Kinderrechte: Empowerment durch Forschung
Partizipatorische Forschung im Kontext der Kinderrechtskonvention
Winfried Moser
Was ist partizipatorische Forschung?
Partizipatorische Forschung ist ein Forschungsansatz, der Ende der 60er-Jahre im Kontext der Entwicklungsforschung über südamerikanische Landarbeiter entstanden ist. Unter dem ursprünglichen Paradigma - Forscher/innen einer “entwickelten Welt” leisten “Entwicklungshilfe” für eine “dritte Welt” - sind viele Projekte gescheitert, weil sie mit den Lebensrealitäten zu wenig zu tun hatten. Um die Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse zu verbessern, begann man, die Betroffenen verstärkt mit einzubinden. Partizipatorische Forschung wollte und will - mit den Worten des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire - dabei helfen, die “Kultur des Schweigens” zu durchbrechen, indem sie marginalisierten Bevölkerungsgruppen ohne Lobby und öffentliche Präsenz Gehör verschafft (Buchner und Postek 2011).
Die Parallelen zur partizipatorischen Kindheits- und Jugendforschung sind unverkennbar: Indem marginalisierte Gruppen dabei unterstützt werden, ihre Meinung kundzutun, wird die Forschung über zu einer Forschung mit Kindern und Jugendlichen. Diese Art der Forschung ruht auf vier Grundsäulen (Bergold und Thomas 2010): (1) Sie kritisiert das gegenwärtige Wissenschaftsmodell, in dem Wissenschaftler/innen die alleinige Expertenrolle einnehmen, und betont die Expertise der Kinder und Jugendlichen für ihre eigene Lebenswelt (epistemologische Ebene, Reflexion der Machtverhältnisse), (2) sie nimmt ernst, dass Kinder und Jugendliche ihre Lebenswelt selber strukturieren (lebensweltliche Ebene), (3) sie fördert Empowerment durch Forschung (humanistische Ebene) und (4) sie zeigt Kindern und Jugendlichen, wie man auf Strukturen seiner Umwelt Einfluss nehmen kann und ermächtigt sie, sich die Welt anzueignen (politische Ebene).
Partizipatorische Forschung bedeutet, den Teilnehmer/innen - ein Stück weit - das Lenkrad im Forschungsprozess zu übergeben - wie weit, das ist vor Projektbeginn zu klären (Clark 2004): Gestalten sie den Prozess von Anfang an mit? Suchen sie das Thema aus? Gestalten sie die Erhebung mit? Wählen sie aus, wer befragt wird? Werten sie die Interviews aus? Oder sind sie in den ganzen Prozess mit eingebunden? Ein ganz wichtiger Punkt ist die Ausbildung der beteiligten Kinder und Jugendlichen, denn es bringt nichts, Kindern alleine das Lenkrad in die Hand zu geben, wenn sie nicht wissen, wie sie fahren sollen.
Welche Richtung soll partizipatorische Forschung einschlagen?
Leider hält sich das Engagement des Gesetzgebers, Forschung über die Umsetzung von Kinderrechten zu finanzieren, bisher in engen Grenzen. Ungeachtet der noch fehlenden Finanzierung soll hier dennoch die Frage gestellt werden, in welche Richtung partizipatorische, an den Kinderrechten orientierte Forschung gehen könnte.
Zuerst ist es wichtig, dass Forschung im Kontext der Kinderrechtskonvention nach Schwachstellen in der Umsetzung sucht, auf Missstände hinweist und fragt, was vom Gesetzgeber oder im Angebotsportfolio von Dienstleistungsorganisationen für Kinder übersehen wird. Die Forschung müsste jedoch tiefer gehen und sich grundlegend mit dem Prozess der Neupositionierung von Kindern in der Gesellschaft auseinandersetzen: Durch die Kinderrechtskonvention und das entsprechende Verfassungsgesetz ist der Staat verpflichtet, die Meinung eines Kindes in allen Angelegenheiten, die es betreffen, angemessen zu berücksichtigen (CRC 1993: Artikel 12, BVG Kinderrechte 2011: Artikel 4). Damit wird die Position von Kindern gestärkt, gleichzeitig tut sich aber ein Spannungsfeld zwischen den Wünschen des Kindes, der Eltern und der Allgemeinheit auf, in dem nach der richtigen Entscheidung im Sinne des Kindeswohls gesucht werden muss.
Die Frage, wie dieses Spannungsfeld sich in der Praxis ausgestaltet, wie damit umgegangen wird, zählt zu den Grundfragen partizipatorischer Forschung im Kontext der Kinderrechtekonvention. Es ist aber nicht nur die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an Forschungsprozessen nötig, sondern auch Forschung über Teilhabe. Wir müssen mehr darüber lernen, wie Kinder in Entscheidungen, die sie betreffen, involviert werden können und welche Faktoren ihre Mitwirkung fördern oder erschweren (vgl. Thomas 2002: 1, 96), ganz besonders dann, wenn staatliche oder nichtstaatliche Institutionen in solche Entscheidungen involviert sind - nicht zuletzt, weil das BVG Kinderrechte nur auf Basis eines Bescheides angewandt werden kann und damit für sein Wirksamwerden (bzw. die Einklagbarkeit) auf alle Fälle ein staatlicher Akteur involviert sein muss.
Kooperation zur Qualitätsverbesserung
Ein erster Schritt sollte sein, dass in Zusammenarbeit mit Institutionen, die für Kinder und Jugendliche tätig sind, eine Forschungsagenda entwickelt wird, in der man sich mit der Frage befasst, wie die Qualität von Schulen, Kindergärten, Heimen und anderen Kinderinstitutionen sowie kommunalen kindlichen Lebensräumen unter Einbeziehung von Kindern definiert und überprüft werden kann (outcomeorientierte Qualitätssicherung). Weil Partizipationsprozesse ganz unterschiedliche ausgehen können, ist es zudem wichtig, dass sich der Qualitätsbegriff nicht nur am Ergebnis orientiert, sondern auch am Prozess. Ein Beispiel: Die Zahl von Kinderspielplätzen in einer Stadt mag eine (von vielen) Dimensionen der Familienfreundlichkeit einer Gemeinde sein, sie misst aber in keinerlei Hinsicht das Ausmaß der Partizipation von Kindern und Jugendlichen - dafür braucht es Forschung, die sich mit den Prozessen der Partizipation auseinandersetzt..
Es sollten Indikatoren entwickelt (und eingesetzt) werden, mit denen die Prozess- und Ergebnisqualität von Kinder- und Jugendpartizipation präziser beschrieben werden kann. Eine faktengestützte Kinderrechtepolitik ist nur auf dieser Basis möglich. Man muss dabei nicht von Null beginnen - in einer Studie der EU-Grundrechteagentur wurden detaillierte Indikatoren für eine Evaluation der EU-Kinderrechtspolitik vorgeschlagen, auf die auch in der aktuellen EU-Kinderrechteagenda Bezug genommen wird (EU-Kinderrechteindikatoren 2009, EU-Kinderrechteagenda 2011).
Ein weiterer Aspekt von partizipativer Forschung, der nicht vergessen werden darf, ist die Frage der Verbreitung und Öffentlichkeitsarbeit. Gerade bei dieser Art von Untersuchungen ist es besonders wichtig, dass auch für die Erwachsenen klar wird, dass Partizipation von Kindern und Jugendlichen Vorteile mit sich bringt, weil sie das Zusammenleben verbessert und neue Aspekte in Überlegungen eingebracht werden. Dazu müssen Ergebnisse von Forschungs- und Evaluationsprozessen aber so aufbereitet werden, dass sie auch von Nicht-Wissenschaftler/innen verstanden werden.
Aber: Was ist überhaupt Partizipation?
Allerdings greifen diese Überlegungen schon sehr weit vor, denn es sollte auch die Frage gestellt werden, ob wir überhaupt von einer Sache sprechen, wenn von Partizipation die Rede ist. Unter Partizipation wird vieles verstanden. Oft wird Partizipation synonym mit dem Begriff Selbstbestimmung verwendet, aber ist denn Mit-Bestimmung (bei der es um einen Ausgleich von Interessen geht) nicht das Gegenteil von Selbst-Bestimmung (für die man eben keinen anderen mehr braucht)? Häufig wird der Begriff auch synonym zum Konzept der Repräsentanz gebraucht. Dabei weisen auch diese beiden Begriffe sehr unterschiedliche Bedeutungsdimensionen auf: Partizipation steht für eine persönliche Teilhabe - die durch Repräsentanz eigentlich ausgeschlossen wird.
Durch die große Unschärfe wird der Begriff Partizipation politisch instrumentalisierbar. Zu allem Überdruss ist Teilhabe in Zeiten des Web 2.0 scheinbar sogar noch leicht geworden: Die Facebook-Gruppe für den guten Zweck ist nur einen Klick entfernt. Unter dem Label Partizipation herrscht ein Überfluss an Phrasen und ein Mangel an sinnvollen Aktivitäten. So erwecken zum Beispiel viele der Projekte, die in einer Publikation zum Thema e-Partizipation in Österreich aus dem Jahr 2007 beschrieben werden, den Eindruck, viel mit Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnisierung, Aktionismus, Freizeitbeschäftigung, Fortbildung, aber nur wenig mit Jugendpartizipation im politischen Sinne zu tun zu haben. Aus der Tatsache, dass die Hälfte der dort veröffentlichten URLs schon drei Jahre später nicht mehr funktioniert Politikmüdigkeit und einen Mangel an Engagement abzuleiten, wäre hingegen verfehlt. Vielmehr zeigt sich ein berechtigter Unwillen zur Zeitverschwendung.
Freilich muss dem hinzugefügt werden, dass ernst gemeinte Partizipation – wie auch partizipatorische Forschung - häufig an der Ressourcenfrage scheitert. Wirkliche Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist nämlich voraussetzungsvoll: Sie braucht einen konkreten Anlass, ein Bedürfnis nach Veränderung, es müssen Informationen vorliegen oder aufbereitet werden, es muss Interesse bestehen, es braucht eine Phase der Meinungsbildung und eine anstehende Entscheidung, der eine Aktion folgen sollte. Die beteiligten Erwachsenen müssen genau wissen, worum es geht, das Thema gut konkretisieren, komplexe Entscheidungsprozesse in klaren Strukturen und Verfahren bearbeitbar machen, Partizipationsmethoden einsetzen, dialog- und konfliktfähig sein, die eigene Position deutlich machen können und sich darüber bewusst sein, dass der Beginn von Partizipation immer in ihrer Verantwortung liegt und damit der Reflexion des Machtgefälles zu den Kindern bedarf (vgl. Maier-Rabler 2007: 23, Hansen 2009: 48). Diese lange Liste von Voraussetzungen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ließe sich sicherlich noch erweitern. Trotzdem soll sie nicht den Mut zur Umsetzung nehmen - wohl aber wird für einen schärfer umgrenzten Begriff plädiert, der einen engen Konnex zur kindlichen Lebenswelt aufweist und nicht allem, woran Kinder und Jugendliche beteiligt sind, inflationär übergestülpt werden kann.
Die Weite des Begriffs Partizipation im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen tut der Sache hingegen nicht gut, denn zu lernen, was Partizipation ist und wie Partizipation funktioniert, ist tatsächlich demokratiepolitisch wichtig, sehr wünschenswert und am besten im Kontext der eigenen Lebenswelt zu erfahren. Nur so können Kinder - mit zunehmenden Freiheitsgraden - mit-reden, mit-entscheiden und mit-handeln. Anstatt also unter dem Label Jugendpartizipation pseudopolitische Aktivitäten zu unterstützen, sollte der Staat mit einer zielgerichteteren Förderpolitik und transparenten Kriterien Partizipationsprojekte fördern, die in der Lebenswelt der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen stattfinden.
Ein Blick in die Kinderrechtskonvention unterstützt diese Sicht, denn in Artikel 12 ist sehr präzise beschrieben, was unter Partizipation zu verstehen ist: Dass ein Kind angehört werden muss, wenn es um seine Belange geht und dass die Meinung eines Kindes bei allen Entscheidungen, die das Kind betreffen, berücksichtigt werden soll (CRC 1993: 368). Eine letztgültige Definition kann freilich nicht geliefert werden, weder hier noch sonstwo, denn das Wichtigste ist, dass in einem ständigen Diskurs ein gemeinsames Verständnis davon entwickelt wird, was Partizipation denn ist. Denn das schafft die Voraussetzung, dass sie in den politikverdrossenen Alltag getragen werden kann.
Über den Autor
Mag. Winfried Moser, Soziologe, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Kinderrechte. Kontakt: winfried.moser@kinderrechteinstitut.at
(Thema des Monats März 2013)
Kindheitsforschung und Kinderrechte
Kindheitsforschung zur nationalen und internationalen Sozialberichterstattung
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Literaturtipps