Partizipation in der Schule: Ein Kinderrecht!
Elisabeth Postl, 17 Jahre, Schülerin und Schüler/innenvertreterin in einem Oberstufenrealgymnasium in Oberösterreich. Jahrelang als stellvertretende Obfrau im Verein Coole Schule“ aktiv. Journalistisch tätig.
Igor Mitschka, 18 Jahre, hat im Juni 2010 an einer Wiener AHS maturiert, zuvor drei Jahre lang Schulsprecher. Gründete 2003 mit elf Jahren den Verein Coole Schule“ und war bis 2010 Obmann dieser überparteilichen SchülerInneninitiative. Angehender Zivildiener.
Unlängst in einer 2. Klasse AHS in Wien:
Alexandra hat von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gehört. In einer Zeitung hat sie gelesen, dass ein großer Konzern für das Desaster verantwortlich sein soll. Berechtigt stellt sie sich die Frage, warum ein Unternehmen so unverantwortlich mit der Umwelt umgehen kann, und bittet ihren Klassenvorstand, dazu ein Projekt zu machen. Mit zwei Freund/innen hat sie sogar ein Konzept erarbeitet: Zunächst würden sie gerne Recherchen zum Thema durchführen, dann eine Schulausstellung dazu machen und schließlich eine Protestkampagne gegen den Ölkonzern organisieren.
Die Reaktion des Klassenvorstands: Zunächst verdutztes Schweigen, dann starke Ablehnung: So ein Thema mit euch zu machen, macht überhaupt keinen Sinn! Ihr seid zu jung, um die Komplexitäten einer solchen Katastrophe und den Zusammenhang mit der Wirtschaft verstehen zu können“. Als Alexandra, die von ihrem Elternhaus immer viel Selbstbewusstsein vermittelt bekommen hat, daraufhin meint, es würden sich aber alle Mitschüler/innen ebenso brennend für das Thema interessieren wie sie, antwortet die Lehrerin harsch: Schön für euch, dann schaut es euch eben in eurer Freizeit an. Den Unterricht bestimmt immer noch der Lehrer“.
Dieses Beispiel ist erst vor kurzem in einem Wiener Gymnasium geschehen. Statt sich über Alexandras Wissbegierde und Energie zu freuen, statt ihr Potenzial als Ansporn für gemeinsame Projekte zu nehmen, statt sie und ihre Mitschüler/innen in ihren so offensichtlichen Interessen zu fördern, wurde die Schülerin ordentlich vor den Kopf gestoßen. Sie muss sich nun weiterhin mit dem europäischen Städtebild beschäftigen. Da verwundert es kaum, dass Alexandra jegliche Motivation und Freude am Unterricht verloren hat. Und dass sie es sich in Zukunft zwei Mal überlegen wird, ob sie ihre Interessen und Wünsche artikuliert – oder lieber still schweigt, da es ja eh nichts bringt“.
Alexandras Beispiel schockiert. Aber das wirklich schockierende daran ist, dass Beispiele wie diese keine Einzelfälle sind, sondern tagtäglich in Österreichs Schulen passieren - quer durch alle Schultypen, Schulstufen, Bundesländer. Mitbestimmung wird in unseren Schulen nicht gelebt. Diese Undemokratie“ beginnt im Unterricht, wo Schüler/innen meistens keine Möglichkeit haben, Unterrichtsstoff und Lehrmethoden mitzubestimmen; und sie zieht sich fort zu den Schüler/innenvertretungen, die – sofern es sie überhaupt gibt – de facto oft nicht mehr tun dürfen, als Direktion, Elternverein und Lehrkräfte für eine neue Stereoanlage in der Schule zu danken und die Schule am Tag der offenen Tür zu bewerben.
Junge Schüler/innen (6- bis 14-Jährige) sind von solch fehlender Demokratie stärker betroffen als ältere Schüler/innen. Einerseits wegen der gesellschaftlichen Konvention, wonach ein junges Kind keine eigene Meinung haben könne, es gar nicht fähig sein könne mitzureden. Andererseits wegen der gesetzlichen Bestimmungen, die vorsehen, dass ausschließlich Oberstufenschüler/innen (ab der neunten Schulstufe) in den Genuss von einigermaßen starken Mitbestimmungsrechten kommen dürfen, wie etwa einer im Schulgremium stimmberechtigten Schüler/innenvertretung.
Die fehlende Demokratie in unseren Schulen hat fatale Auswirkungen. Direkte Auswirkungen sind Demotivation, Langeweile, Leistungsschwäche, Frust und steigende Gewalt – Fakten, die mehrfach von wissenschaftlichen Studien, z.B. von der Johannes-Kepler-Universität Linz, bewiesen wurden. Die indirekten Auswirkungen gehen aber noch viel weiter, als viele erahnen möchten, und manifestieren sich vor allem in Unmündigkeit und Passivität künftiger Erwachsener. Es entstehen Generationen, die Sachen hinnehmen, ohne sie zu hinterfragen, die sich von populistischen Wahlsprüchen leicht einwickeln lassen, die sich von der Wirtschaft als leicht manipulierbares Kapital benutzen lassen. Schlicht und einfach Menschen, denen ihre Gedanken, ihre Wünsche ziemlich egal sind.
Wie also diesen Missstand ändern?
In erster Linie ist die Politik gefordert, die Schüler/innenmitbestimmung mittels konkreter Maßnahmen im Gesetz zu verankern. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wären die drei Forderungen der Bürger/inneninitiative Wir wollen mitbestimmen“, die im Juli 2009 von unserem damals noch aktiven überparteilichen Schüler/innenverein Coole Schule“ eingereicht wurde und seither im Parlament zur Abstimmung aufliegt. Mehr als 1000 Schüler/innen haben die Initiative unterschrieben.
In der Initiative geht es um drei Punkte, die leicht umsetzbar sind - an einigen sehr engagierten Schulen auch schon bereits auf freiwilliger Basis Realität sind! - und zu einer effektiven Verbesserung der Situation führen würden:
1) Wahl von Schüler/innenvertreter/innen in allen Schulen und durch alle Schüler/innen
Das Recht auf eine gleichberechtigte Vertretung ist ein Menschenrecht. 700.000 der 1.150.000 Schüler/innen in Österreich sind derzeit von diesem Recht auf Grund der Schulform, der sie angehören, ausgeschlossen (gemeint sind alle Pflichtschulen und AHS-Unterstufen). Die Initiative fordert daher die Wahl von Klassen- und Schulsprecher/innen in allen Schulen – ab der Volksschule. Alle Schüler/innen sollten über ein Wahl- und Kandidaturrecht verfügen.
2) Klassenrat in allen Fächern:
Die Initiative fordert einen Klassenrat, in dem die Schüler/innen einer Klasse gemeinsam mit ihren Fachlehrer/innen das Schulsemester samt Unterrichtsstoff und Lehrmethoden planen. Am Ende des Semesters wird die Umsetzung der Vorschläge des Klassenrats mittels eines Feedbacks überprüft; bei durchgehend schlechten Ergebnissen sind entsprechende Disziplinierungsmaßnahmen für die Lehrkraft zu setzen.
3) Schulparlament anstelle von Schulgemeinschaftsausschuss (SGA) und Schulforum:
Die derzeitigen Schulpartnerschaftsgremien weisen Demokratiedefizite auf. So sind im Schulforum in den Pflichtschulen gar keine Schüler/innenvertreter/innen stimmberechtigt vertreten, im SGA in den Gymnasien nur jene der Oberstufe.
Statt dieser Gremien fordert die Initiative ein Schulparlament, in dem alle Klassensprecher/innen (mit Vetorecht) und gleich viele Eltern- und Lehrer/innenvertreter/innen vertreten sind; die Kompetenzen bleiben dieselben wie in den jetzigen Gremien.
Begleitmaßnahmen
Damit diese Maßnahmen zu einer tatsächlichen Demokratisierung der Schule führen, sind Begleitmaßnahmen notwendig:
- Budget für die Schüler/innenvertretungen, Klassenräte und das Schulparlament
- Ausbildungsseminare für alle Schüler/innenvertreter/innen und Rechtsberatung
- Eigene Räumlichkeiten für Schüler/innenvertretungen an den Schulen
- Möglichkeit der Schüler/innenvollversammlung an Schulen während der Schulzeit
- Verpflichtende Lehrer/innenausbildung im Bereich Schuldemokratie/Soziales Lernen/Gesprächsführung…“
Schuldemokratie bringt viele positive Auswirkungen mit sich und zahlt sich daher für alle Beteiligten aus. Sie ist aber nicht nur ein Akt der Gnade, sondern eine Verpflichtung, der Österreich seit der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtekonvention 1992 nachzukommen hat. Deren Artikel 12 besagt nämlich, dass alle Kinder ein Recht auf Partizipation in den sie betreffenden Belangen haben. Also auch in der Schule.
(Thema des Monats August 2010)
Die Meinung von Kindern berücksichtigen
Mitbestimmung im sozialen Nahraum und bei politischen Entscheidungen
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Literaturtipps