Kindeswohl - Einführende Überlegungen aus wissenschaftlicher Sicht
Von Primarius Dr. Werner Leixnering, Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg
Der Begriff des Kindeswohls hat in der Fachliteratur bisher einen widersprüchlichen Niederschlag gefunden: Würde man zunächst vermuten, dass er ursprünglich in der Pädagogik, Psychologie oder Medizin beheimatet ist (im Sinne des Wohl-Seins oder Wohl-Fühlens“; vgl. dazu die Gesundheitsdefinition der WHO), stellt sich bei Sichtung der einschlägigen Publikationen rasch heraus, dass dieser Terminus vor allem in der Jurisprudenz (Kindschafts- und Familienrecht, Jugendwohlfahrt) verankert ist.
Was hat das zu bedeuten? Gesetze legen in der Regel Normen fest, schreiben Sollzustände fest, definieren outside-states“. Sie schaffen Rahmenbedingungen der Erziehung, Familien- und Sozialpädagogik, verpflichten staatliche Organe zum Handeln in Gefahrensituationen. Mindeststandards geben Leitlinien legislativer Regelung ab, nicht Höchststandards – Minimalität rangiert vor Optimalität. Dies nicht zuletzt deshalb, da Kindererziehung tief in den Grundrechten von Elternschaft verankert ist und nur im Notfall von außen angetastet“ werden soll.
Mit anderen Worten: Juridische und administrative Begriffsbestimmungen sind so ausgestaltet, dass Defizit- und Defizienzzustände durch sie möglichst leicht formuliert, erfasst und mit Maßnahmen“ belegt werden können.
Wozu dienen Maßnahmen“, wie Beratung, Betreuung, Therapie, Internats- und Fremdunterbringung? Der Beseitigung von Mangelzuständen? Der Eröffnung und Schaffung von Ressourcen, der Sicherstellung von Möglichkeiten? Wehren und wenden Maßnahmen“ das Fehlende, Defizitäre, Krankhafte ab oder dienen sie der Kräftigung, Heilung und Plusorientierung“? Werden durch sie Schranken zum Schutz“ aufgebaut oder Leitlinien zum Mut“ gefertigt? Fragen über Fragen…
Eine allgemeine Antwort auf viele dieser Fragen könnte lauten: Den Blick nach vorne richten, Prävention betreiben, Eltern bilden; Kinder rechtzeitig unterstützen, fördern, unterrichten; vorbeugen statt nach- und ausbessern. Mit anderen Worten: Qualitätsgesichertes Kindeswohl“ ist anzustreben!
Eine weitere Überlegung: Wenn Kindeswohl zum interdisziplinären“ Begriff wird, muss es auch interdisziplinär gelebt und verwirklicht werden. Von Sozialpädagogen, Lehrern, Juristen, Sozialarbeitern, Psychologen, Psychotherapeuten, Ärzten…
Die Fachliteratur gibt Hinweise zu möglichen neuen Ansätzen: LEMPP schrieb bereits vor vielen Jahren, dass Kindeswohl leider besser dadurch definiert sei, was es nicht ist, als dadurch was es sein sollte. Berühmtgewordene Publikationen (GOLDSTEIN; FREUD; SOLNIT) sprechen im Titel vom Jenseits“ und Diesseits“ des Kindeswohls, aber nicht von dessen Inside“. REMSCHMIDT und MATTEJAT fordern eine Objektivierung“ des Kindeswohls, unter Berücksichtigung entwicklungs- psychologischer Kriterien.
Experten wollen mit ihren Überlegungen aufs Ganze gehen“ – von Anfang an und bis zum Ende. Kriterien auf der Plusseite“ sollten jenen der Minusseite“ gegenüberstehen, sie neutralisieren“, statt auszureißen.
Dazu bedarf es auch ganzheitlicher Sichtweisen des Menschen, der Kinder. Es gilt, junge Menschen von ihrer körperlichen, seelischen, geistigen, moralischen und sozialen Seite her zu erfassen. Präventiv statt postventiv; besser zu früh als zu spät.
Kindeswohl, verstanden als dynamische, bio-psycho-soziale Entwicklungsgröße, das ist die Botschaft! Kindeswohl, erfasst als Maßstab der Wegbegleitung“ für Körper, Seele, Geist und Gemeinschaftssinn. Kindeswohl, verstanden als Plusvariante des menschlichen Werdens. Kindeswohl, über dessen Erfüllung man sich freut, anstatt dessen Absenz zu beklagen.
Richtig verstandenes Kindeswohl nimmt immer Rücksicht auf Individualität, sofern sie sich in der Gemeinschaft wieder findet. In diesem natürlichen Spannungsfeld“ wollen sich die Inhalte des KRK-Grundsatzes verstanden wissen, ebenso wie vor der Wirklichkeit des Lebens zwischen Schutz und Risiko; mit dem Ziel des Schutzes ohne Risiko für alle Kinder dieses Landes.
(Thema des Monats Dezember 2006)
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