Kindheit und Jugend Anfang des 21. JahrhundertsVon Mag. Karl J. Zarhuber, Generalsekretär Österreichisches Jugendrotkreuz
Karin, 15 Jahre alt, Schülerin in einer AHS in Wien, meint: Alle rundherum wollen so viel von mir! Meine Eltern und die ganze Familie, die Lehrer und meine Freundinnen, alle wollen etwas, dass ich schon gar nicht mehr weiß, was ich selbst eigentlich will“. Ihrem Klassenkameraden Robert geht es wie Karin und er ist der Meinung, dass der Terminplan mit all den Schularbeiten, Tests und Projektarbeiten derart voll ist, dass kaum noch Zeit bleibt für Dinge, die man selbst gerne machen möchte“ und jeder Lehrer vermittelt einem das Gefühl, dass sein Fach das Wichtigste sei“. Christoph, 12 Jahre, geht in eine Musikhauptschule in der Steiermark: Es ist schon sehr viel alles und das Saxophonspielen ist mir auch besonders wichtig und deshalb muss ich viel üben. Den Unterrichtsstoff schaffe ich gut, aber für meinen Hund habe ich nicht mehr viel Zeit, wenn ich mich auf die Schularbeiten vorbereiten muss.“ Frei wie ein Vogel Unbeschwert waren die Jugendjahre nie. In der Phase der Adoleszenz oder Pubertät – dem Zeitabschnitt, während dem man biologisch gesehen ein Erwachsener, aber emotional und sozial noch nicht vollends gereift ist - wird sich der junge Mensch der Komplexität der globalen Welt, aber auch seiner eigenen Umwelt, bewusst. Im besten Fall erkennt er seine persönlichen Stärken und kann daraus Kraft schöpfen, mit Schwierigkeiten umzugehen. Druck ist auch lebensnotwendig. Wie sollte unser Körper ohne Blutdruck funktionieren? Wie die Erdatmosphäre ohne Luftdruck? Häufig braucht der Mensch Druck, um aktiv zu werden, doch das gesunde Maß wird meist weit überschritten und das Gefühl der Überforderung führt dazu, dass das Leben als nicht zu bewältigende Aufgabe erscheint. Statistiken und andere Irrtümer Berichte, Studien und Statistiken zu Themen wie der Steigerung der sexuellen Lust, Vergrößerung von Lippen und Brüsten, waschbrettbäuchigen Superstars überrollen uns täglich. Ist George Clooney nun verlobt? Hat Britney Spears ein Alkoholproblem? Wie sieht die neue Frisur von Victoria Beckham aus? Solche und ähnliche Fragen werden in Society Magazinen mit ungeheurer Ernsthaftigkeit behandelt. Man könnte glauben, es sei tatsächlich wichtig. Zusätzlich prasseln Schlagzeilen über das Scheitern jeder zweiten Ehe, die Problematik der Schulreform, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, working poor“ und die vertrackte Situation der Pflege alter und kranker Menschen auf uns ein. Wir wollen Spaß! Dem gegenüber steht die Spaßgesellschaft“. Alle sind jung, schön, gesund, haben zahllose Freunde, makellos weiße Zähne und Geld. Gehen auf Partys, Konzerte, Festivals, Events und haben dabei jede Menge brüllenden Spaß! Aktivität scheint die Ungereimtheiten des Lebens wegzuzaubern. Druckpunkte Die Jugendrotkreuzgesellschaften aus Deutschland, Schweiz, Luxemburg und Österreich haben 2oo7 gemeinsam eine Studie zur Jugendsituation in Auftrag gegeben. Die Zahlen für Österreich sind alarmierend. 71 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, dass Aussehen in Zukunft wichtiger sein wird als Charakter. 75 Prozent geben an, dass der größte Druck in ihrem Leben durch die Schule entsteht. 73 Prozent sagen, dass die hohe Erwartungshaltung der Eltern sie massiv unter Druck setzt. Wird der Druck zu groß, können Jugendliche mit Aggression, Depression oder Rückzug vor der Außenwelt reagieren. Diese Phänomene können heute täglich in Form von Koma-Trinken, Magersucht oder gewalttätige Auseinandersetzungen täglich beobachtet werden. Besonders signifikant ist das Ergebnis, dass 52 Prozent der Bevölkerung der Ansicht sind, dass Jugendliche sich selbst in der sich ständig verändernden Welt orientieren müssen und die Herausforderungen bewältigen müssen. Zugleich sind genau diese 52 Prozent der Erwachsenen davon überzeugt, dass die Jugend damit überfordert ist. Kampagne Deine Stärken. Deine Zukunft. Ohne Druck!“ Das Jugendrotkreuz in den vier deutschsprachigen Ländern hat daraufhin eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen ihre individuellen Stärken bewusst zu machen. Deine Stärken. Deine Zukunft. Ohne Druck!“ geht im Schuljahr 2008/2009 ins zweite Kampagnenjahr. Im Mittelpunkt steht auch die Vermittlung wahrer Werte und Stärken: Freundschaften, Toleranz, Offenheit gegenüber anderen, Hilfsbereitschaft sowie andere humanitäre Werte. Denn es ist ein Irrglaube, dass es im Leben nur um Erfolg und Leistung geht. Selbstbewusste Menschen wiederum sind in der Lage, mit An- und Herausforderungen umzugehen, ihr soziales Netz zur Unterstützung heranzuziehen, sowie sich im Notfall Hilfe von außen zu holen. Bei der Enquete Kinder unter Druck“ des Österreichischen Jugendrotkreuzes im Februar 2008 haben sich zahlreiche Experten aus den Bereichen Psychotherapie, Schule und Elternvertretung mit der Problematik auseinandergesetzt. Einhelliger Tenor: Was es braucht, ist ein Paradigmenwechsel – eine deutliche Änderung des Blickwechsels. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind gefordert! Das Österreichische Jugendrotkreuz, als Stimme für Kinder und Jugendliche, verlangt von der Politik stärkere Beachtung ihrer Lebenssituation in Schule und Gesellschaft und arbeitet zurzeit an konkreten Vorschlägen. Spürbare Verbesserungen für das tägliche Leben von Kindern und Jugendlichen muss das Ziel aller sein! Weitere Informationen zur Kampagne findet jeder Interessierte unter www.jugendrotkreuz.at/staerken (Thema des Monats August 2008) |
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