Wie gehen Jugendliche mit Suchtmitteln um? Hintergründe und ZahlenMag.a Christine Winkler-Kirchberger, Kinder- und Jugendanwältin des Landes Oberösterreich Kinder kommen heute früher in die Pubertät und werden früher selbstständig, daher machen sie auch ihre Erfahrungen mit Alkohol im jüngeren Alter. Bei den Mädchen kommen die Auswirkungen der Emanzipation dazu: Sie nähern sich – wie auch in anderen Dingen – beim Konsum von psychoaktiven Substanzen wie Alkohol und Nikotin den Gewohnheiten der Männer an. Zudem findet Alkoholkonsum von Jugendlichen mehr als früher in der Öffentlichkeit statt. Außenstehende bekommen daher mehr davon mit. Vermutlich sind unbeteiligte Dritte, wie Eltern, Betreuungspersonen, Passanten etc. heute beim Thema Alkoholvergiftung mehr sensibilisiert und rufen schneller die Rettung, was sich wiederum auf die offiziellen Diagnosedaten bei Alkoholvergiftungen auswirken kann. Das Alter, in dem junge Menschen ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol machen, ist übrigens seit Jahrzehnten mit dem 13. Lebensjahr relativ konstant. Nur der Einstieg in den regelmäßigen Konsum (mindestens ein Mal pro Monat) erfolgt heute früher.
Jugend und Alkohol Das Thema "Komatrinken" bei Jugendlichen hat im vergangenen Jahr die Schlagzeilen geprägt. Nehmen Alkoholexzesse von Jugendlichen tatsächlich zu? Dazu liefert das Institut Suchtprävention Oberösterreich [1] folgende Zahlen: Rund 31 % der 15- bis 19-Jährigen in Oberösterreich trinken an 2 – 3 Tagen pro Woche Alkohol. Jeder 10. Jugendliche tut es 6 – 7 mal pro Woche. Diese Zahlen sagen allerdings nichts über die jeweils getrunkene Menge bzw. problematischen Alkoholkonsum aus. Laut den Diagnosedaten der oö. Spitäler wurde im Jahr 1999 insgesamt 1.500 mal eine Alkoholvergiftung diagnostiziert, bis 2005 hat sich diese Zahl auf 3.000 Fälle verdoppelt. 550 Fälle davon, das sind 18 %, betreffen unter 18-Jährige. Jugendliche und illegale Drogen Illegale psychoaktive Substanzen werden vorwiegend im Alter von 15 bis 24 Jahren konsumiert. Daher kann an Hand dieser Altersgruppe die Verteilung des Konsums relativ gut angezeigt werden. So haben beispielsweise 22,5 % der Jugendlichen innerhalb der letzten 12 Monate eine der abgefragten1 illegalen Substanzen zumindest einmal konsumiert. Hier entfällt der Großteil des Konsums auf Cannabis (20,4 %). Illegale Aufputschmittel werden von 6,5 % der Jugendlichen eingenommen. Weitere Kontaktangaben ergaben bei biogenen Drogen 6,9 %, Schnüffelstoffen 5,5 %, Ecstasy 6,5 %, Kokain 5,6 % und LSD 4,8 %. Hintergründe und Zahlen zur Situation von Kindern in (sucht)belasteten Familien Psychische Erkrankungen kommen in unserer Gesellschaft sehr viel häufiger vor, als im Allgemeinen angenommen wird. Alkoholismus gehört in die Gruppe "Psychische Störung und Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen". Viele Menschen sind von Alkoholmissbrauch und von der Alkoholabhängigkeit einer nahe stehenden Person betroffen, einer solchen Situation besonders ausgeliefert sind Kinder. Die Alkohol-Koordinations- und Informationsstelle im Anton-Proksch-Institut geht von folgenden Zahlen aus: Ungefähr jedes 10. Kind in Österreich
ENCARE – Netzwerk für Kinder Das "European Network for Children Affected by Risky Environments within the Family" ist derzeit in 20 EU-Staaten zugunsten von Kindern aus suchtbelasteten Familien aktiv. Auch in Österreich leben Tausende Kinder in einem familiären Umfeld, in dem die Probleme der Eltern ein Risikofaktor für ihre gesunde Entwicklung darstellen. Denn jene Kinder, die in einem suchtbelasteten (in Österreich meist in einem alkoholbelasteten) Umfeld aufwachsen, haben ein stark erhöhtes Risiko, selbst eine Suchterkrankung zu entwickeln. Im vergangenen Jahr wurden in 8 österreichischen Bundesländern ENCARE-Netzwerke gegründet. Ein zentrales Thema ist die Verbesserung des Fachwissens sowie der Wunsch nach einer stärkeren Kooperation zwischen den einzelnen Einrichtungen und Berufsgruppen. Denn neben professionell mit der Materie beschäftigten Menschen, etwa in der Jugendwohlfahrt oder in Suchtberatungsstellen, spielen auch Allgemeinmediziner, Lehrkräfte oder KindergartenpädagogInnen eine wichtige Rolle in der Früherkennung. Sie sind es meist, die mit betroffenen Kindern bereits in einer frühen Lebensphase in Kontakt kommen. Gefühle und mögliche Auffälligkeiten von Kindern in belasteten Familien Viele Kinder werden nach außen hin nicht auffällig und dadurch mit ihren Problemen auch nicht wahrgenommen. Häufig werden Kinder und Jugendliche aus belasteten Familien folgendermaßen beschrieben: Sie
Kinder aus suchtbelasteten Familien sind oft mit folgenden Situationen und Gefühlen konfrontiert: Verunsicherung:Sie sind verängstigt und verwirrt, weil sie die Probleme der Eltern nicht einordnen und verstehen können. Ohnmachtsgefühl:Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen und haben das Gefühl, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Schuldgefühl: Sie glauben, dass sie am Alkohol-/Suchtproblem der Eltern und seinen Folgen Schuld sind. Tabuisierung: Sie denken, dass sie mit niemandem über das Problem reden dürfen, weil sie sonst ihre Eltern verraten oder blamieren würden. Isolation: Sie fühlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen. Auch ihre sozialen Kontakte leiden, weil sie z.B. kaum Freunde nach Hause einladen können oder nicht altersgemäße Aufgaben in der Familie zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Resilienzforschung: Welche Faktoren schützen Kinder? Bei wenigstens einem Drittel der Kinder, die in belasteten Familien aufwachsen, kommt es zu psychischen Beeinträchtigungen, einige Kinder aber machen dennoch eine gesunde Entwicklung durch. Diese Kinder werden als resilient bezeichnet. Sie unterscheiden sich durch eine Reihe von Eigenschaften von nicht resilienten Kindern. Nach Wolin (1995) gibt es sieben Resilienzen, die vor den Folgen einer krankmachenden Familienumwelt schützen können:
Möglicherweise gibt es Gene, die zur Resilienz führen, was aber immer noch kontrovers in der Resilienzforschung diskutiert wird. Prävention in der Schule - Ressourcen stärken und "Kind" sein dürfen Ein Mangel an persönlichen Kompetenzen, negatives Vorbildverhalten sowie konkrete Erwartungen an eine positive Wirkung spielen bei der Entwicklung von Gebrauchsmustern eine Rolle. Die Schule hat in Bezug auf Prävention (etwa von Sucht oder vor Gewalt) viele Möglichkeiten. Die Förderung von Lebenskompetenzen (Life Skills) ist als ein Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrages zu verstehen. Folgende pädagogische Grundhaltungen fördern die Lebenskompetenzen der Kinder:
[1] "Drogenmonitoring 2oo6", In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung werden alle drei Jahre rund 1.500 Personen im Alter von 15 – 59 Jahren zu Wissen, Einstellung und Konsumverhalten befragt. (Thema des Monats Juni 2008) |
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