Gleiche Lebenschancen für alle Kinder!
Kinderrechtliche Suchtprävention am Beispiel von "KiJA on Tour!"
Mag.a Christine Winkler-Kirchberger, Kinder- und Jugendanwältin des Landes Oberösterreich
Kinder suchtkranker, insbesondere alkoholabhängiger Eltern, haben – das belegen viele Studien – ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen als andere Kinder und sie gelten als eine der größten Risikogruppen für Suchtstörungen im Jugend- und Erwachsenenalter.
Die Tätigkeit der Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs (KiJA) basiert auf der UN-Kinderrechtekonvention, die Kindern das Recht auf bestmögliche Entwicklung zusichert. Ausgehend von den vielen Beratungsfällen von Kindern, die in belasteten Familien aufwachsen, haben wir uns in der Kinder- und Jugendanwaltschaft Oberösterreich intensiv mit sinnvollen Hilfen und Präventionsmaßnahmen auseinandergesetzt, um den umrissenen Kreislauf zu durchbrechen. Denn es haben alle Kinder das Recht auf die gleichen Lebenschancen!
Zur Situation von Kindern in belasteten Familien
Kinder psychisch kranker Eltern erhalten oft erst dann Aufmerksamkeit, wenn sie selber Symptome zeigen. Dabei ist frühzeitige Hilfe und Unterstützung für sie besonders wichtig. Aus Scham, Schuldgefühlen oder Loyalität zu ihre/r/m Mutter/Vater reden sie aber oft lange mit niemandem über ihre Situation. Familiengeheimnisse lasten dabei schwer auf Kindern. Das Schweigen brechen zu dürfen und darüber zu reden, ist für sie ein wichtiger Schritt heraus aus der Hilflosigkeit. Hier müssen wir Kindern entgegenkommen und ihnen Wege und Hilfen aufzeigen. Das Konzept von "KiJA on Tour!" stellt dieses Ziel in den Mittelpunkt.
Schutzfaktoren der Kinder stärken
Es gibt aber durchaus Kinder, die trotz ihrer belastenden Lebenssituation völlig oder weitgehend psychisch gesund bleiben. Ihnen helfen bestimmte Faktoren trotz widriger Umstände psychische Gesundheit zu bewahren und zu entwickeln. Die Stärkung dieser sogenannten Schutzfaktoren und Ressourcen ist ein weiteres Ziel des oberösterreichischen Präventionsprojektes der Kinder- und Jugendanwaltschaft "KiJA on Tour!" rund um Sucht und Gesundheit. Besonders wichtige Schutzfaktoren gegen Sucht sind folgende Lebenskompetenzen:
- Stabiler Selbstwert
- Konstruktiver Umgang mit Stress, Problemen und Konflikten
- Gefühle wahrnehmen und ausdrücken können
Sinnvolle Prävention darf sich nicht auf punktuelle Einzelmaßnahmen beschränken, sondern muss kontinuierlich, nachhaltig und auf verschiedenen Ebenen wirken. Um Kinder und Jugendliche zu erreichen, hat sich der Zugang über die Schule bewährt. Ebenso haben sich Theaterspiel und Musik als optimales Ausdrucksmittel erwiesen, um auch heikle Themen kind- und jugendgerecht zu transportieren.
Kinderrechtliche Prävention und Hilfe
Die KiJA Oberösterreich ist erstmals vor zwei Jahren zu dem Schwerpunkt "Trennung und Scheidung der Eltern" auf Tour gegangen. Der riesige Zuspruch und das positive Feedback - damals, wie auch nunmehr zur aktuellen Tour "Suchtprävention" - bestärken uns, auch künftig diesen Weg zu wählen, um sensible Themen kindgerecht anzusprechen, Tabus aufzubrechen und Hilfen anzubieten.
Das Programm der aktuellen KiJA Regionaltour rückt zum einen die Situation von Kindern in belasteten Familien in den Mittelpunkt und thematisiert zum anderen jugendliche Sehnsüchte und Versuchungen. Kompetenter Kooperationspartner ist das Institut Suchtprävention. Bei den zahlreichen Veranstaltungen im gesamten Sommersemester 2007/08 an allen wichtigen Schulstandorten Oberösterreichs werden rund 12.000 Kinder und Jugendliche persönlich erreicht. Die Angebote der Tour werden mittels standardisierter Rückmeldebögen evaluiert.
"KiJA on Tour!" durch Oberösterreich umfasst folgende Bausteine:
- Kindertheater "Mama, geht´s heute nicht so gut"
- Jugendmusical "Helden – Von Sehnsucht und Zuversicht"
- Fachveranstaltung "Situation von Kindern in belasteten Familien"
- Fortbildungsreihe für LehrerInnen
- Workshops an Schulen, Schwerpunkt Sucht und Gesundheit
- "Im Land der Versuchungen", Kinderrechtezeitung OÖ "Alles, was Recht ist"
- umfangreiche Materialien für den Unterricht
Kindertheater "Mama geht´s heute nicht so gut"
Ria ist 9 Jahre alt und hat einen kleinen Bruder. Ihr Vater ist beruflich oft im Ausland, ihre Mutter beginnt immer häufiger Alkohol zu trinken. Ria gibt sich alle Mühe, nach außen hin alles normal erscheinen zu lassen, kann sich aber auf ihre Mutter immer weniger verlassen …
Das Stück der Gruppe theaterachse eignet sich für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren, es wurde über Initiative der KiJA Salzburg entwickelt.
Betroffenen Kindern werden Hilfen und Bewältigungsstrategien aufgezeigt, nicht unmittelbar betroffene Kinder werden für schwierige Familiensituationen in ihrem Freundeskreis sensibilisiert und in ihrer sozialen Kompetenz gestärkt.
Pädagog/innen bestätigen die hohe Aktualität des Themas. Ein nicht geringer Teil der Kinder in jeder Klasse kommt aus einer psychisch- bzw. suchtbelasteten Familie. Sie greifen die Fortbildungsmöglichkeiten und didaktischen Anregungen gerne auf, da sie darin einen geeigneten Zugang zu einem "Tabuthema" sehen. Das Theaterstück wird durchwegs als 'sehr gut' und kindgerecht bewertet.
Kinder empfinden das Stück als spannend und hören die Hauptbotschaft "über Probleme reden" deutlich heraus. Sie erfahren auch, dass es Personen und Einrichtungen gibt, die für Kinder da sind und meinen zu über 80 Prozent, dass sie bei Problemen zur Kinder- und Jugendanwaltschaft kommen (anrufen) würden.
Musical "Helden – Von Sehnsucht und Zuversicht"
Eva und Leo sind unzufrieden mit dem, was sie im Spiegel sehen. Sehnsüchtig schielen sie auf "die Anderen", die in ihren Augen besser aussehen, und die scheinbar für alle Probleme Lösungen haben. Alle diese "Helden" meinen es gut mit Eva und Leo – aber hilft ihnen das alles weiter, was sie ihnen anbieten? ...
In diesem Stück der Gruppe traumfänger sollen Jugendlichen ab 12 Jahren verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, um möglichen Versuchungen selbstbewusst begegnen zu können.
Kinder und Jugendliche brauchen bei der Entwicklung dieser sozialen Kompetenzen die Unterstützung der Eltern, der Lehrkräfte und anderer Bezugspersonen. Gerade in der Pubertät sind viele junge Menschen verunsichert und tun sich schwer, sich selbst und ihren Körper anzunehmen. Auch das Wahrnehmen und Ausdrücken der eigenen Gefühle ist speziell in diesem Alter eine große Herausforderung.
Genau dieses Thema greift das Stück "Helden" auf und bearbeitet es auf sensible Art und Weise. Der Besuch des Stückes soll als Impuls dienen, sich in der Schule nachhaltig mit der Thematik auseinander zu setzen.
Workshops und Begleitmaterialien
Für beide Stücke haben die KiJA und das Institut Suchtprävention pädagogische Begleitunterlagen für den Unterricht erstellt.
Auch die Kinderrechtezeitung OÖ "Alles, was Recht ist", die seit nunmehr vier Jahren dreimal jährlich in einer Auflage von 50.000 Stück erscheint und an allen Schulen in Oberösterreich kostenlos verteilt wird, greift dieses Schwerpunktthema in der aktuellen Ausgabe (14/2008) "Im Land der Versuchungen" mit vielen nützlichen Infos und Tipps auf.
Spezielle KiJA-Workshops – in denen methodisch etwa mit Rollenspielen gearbeitet wird, ergänzen diese Präventionsoffensive.
(Thema des Monats Juni 2008)
Links
Literaturtipps