Spiel und kindliche Entwicklung
Von Mag. Barbara Trettler, Spielplatzbüro des NÖ Familienreferates
Spielen zu dürfen, ist ein Recht der Kinder – dies wurde auch von der
UN- Kinderrechtskonvention festgelegt, in deren Artikel 31 ausdrücklich das Recht auf Freizeit und Spiel normiert ist.
Spielen ist für Kinder mehr als nur Zeitvertreib! Spielen bedeutet für Kinder aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt. Ausreichende Bewegungs- und Sinneserfahrungen sind für die motorische Entwicklung, für das räumliche Vorstellungsvermögen sowie für die psychische und soziale Entwicklung von Kindern bestimmend. Im Spiel mit anderen lernen Kinder sich kompetent zu bewegen, lernen soziale Kontakte zu knüpfen, sich in größeren Gruppen zu verhalten, sich durchzusetzen, Regeln einzuhalten: Im Spiel lernen sie selbständig zu sein und ihre Umwelt zu organisieren, hier treffen sie auf Unbekanntes, Fremdes, Neues und müssen den Umgang damit lernen.
Durch den Einsatz der eigenen körperlichen Kräfte - über Bewegungs- und Sinneserfahrungen - lernen Kinder ihre Umwelt und sich selbst richtig einzuschätzen und sich selbstsicher zu bewegen. Diese unmittelbaren Erfahrungen aus erster Hand“, die sog. Primärerfahrungen, sind ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Entwicklung, da die Einstellung des Kindes zu sich selbst, sein eigenes Selbstwertgefühl, maßgeblich von Körper- und Bewegungserfahrungen beeinflusst wird. Das Spielen und die spielerische Bewegung sind also eine unerschöpfliche Quelle der Selbsterfahrung.
Über den Körper gewinnt das Kind aber auch Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Umwelt, über die Dinge und Gegenstände und ihre spezifischen Eigenschaften – diese Erfahrungen sind eng an die Bewegung gebunden. Nur durch die Bewegung kann sich das Kind ein Bild davon machen, wann, warum und wie ein Ball springt, rollt oder fliegt und wie man dies beeinflussen kann. Durch Fühlen, Tasten und Greifen kommt das Kind zum Begreifen.
Mangelt es an diesen Bewegungs- und Sinneserfahrungen, so kommt es zu einer falschen Einschätzung von der Umwelt und sich selbst.
Spielen hat für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern eine grundlegende Bedeutung. Kinder, die viel spielen, entwickeln sich besser als nicht-spielende. Kinder können gar nicht zuviel spielen auf ihrem Weg zum Erwachsensein!
Warum es so wichtig ist, Spielraum für Kinder zu schaffen:
Untersuchungen zeigen, dass der Gesundheitszustand unserer Kinder sehr besorgniserregend ist und zahlreiche Studien belegen, dass es um die Bewegungskompetenzen unserer Kinder schlecht bestellt ist.
Hauptursache vieler Krankheiten ist der akute Bewegungsmangel. Als Gründe dafür kann unter anderem das Fehlen von Spiel- und Freiräumen in der unmittelbaren Wohnumgebung genannt werden: In vielen Gemeinden werden die Freiräume der Kinder in unmittelbarer Wohnumgebung immer weniger. Die zunehmende bauliche Verdichtung im Ortsgebiet und das verstärkte Verkehrsaufkommen lassen immer mehr Spiel- und Bewegungsräume verschwinden.
Parallel zum Verschwinden der Freiräume läuft die Entwicklung, das Leben unserer Kinder immer mehr zu planen und zu verplanen: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Institutionen wie Kindergarten, Schule, Hort und anderen Freizeiteinrichtungen. Es bleibt ihnen daher wenig Zeit und Raum für freies, nicht von Erwachsenen angeleitetes und beobachtetes Spiel.
Neuere Erkenntnisse bestätigen auch die Zusammenhänge zwischen ungenügender Bewegungskontrolle und zunehmender Unfallhäufigkeit im Kindergarten- und Volksschulalter. Viele Stürze sind auf ungenügende Köper- und Bewegungserfahrungen, insbesondere mangelndes Gleichgewicht, viele Zusammenstöße auf geringe Reaktionsfähigkeit und die Unfähigkeit zurückzuführen, eigene Bewegungen mit denen anderer zu koordinieren.
In Zeiten, in denen Frei- und Bewegungsräume für Kinder und Jugendliche kaum mehr vorhanden sind, kommt den Spielplätzen eine immer wichtigere Bedeutung zu. Denn Freiräume mit ausreichenden Spiel- und Bewegungsflächen sind eine unabdingbare Voraussetzung für die gesunde Entwicklung unserer Kinder!
Um die physische, psychische und soziale Entwicklung unserer Kinder und Jugendlicher optimal zu fördern, müssen wir ihnen Räume zur Verfügung stellen, die gestaltet und verändert werden können, die zur intensiven Bewegung herausfordern, die all ihre Sinne und das gemeinsame Spielen anregen – ein naturnah gestalteter Spielplatz bietet diese Möglichkeiten und garantiert spannendes und attraktives Spielvergnügen!
Naturnahe Spielplätze geben Kindern Raum, sich am Kullerhügel auszutoben, in der Matschgrube kreativ zu sein und den eigenen Körper und seine Möglichkeiten und Grenzen beim Hüpfen, Klettern und Schwingen zu erproben.
Bedürfnisgerechte und naturnahe Spielräume
Ein bedürfnisgerechter Spielplatz ist eine gelungene Mischung aus naturnahen Elementen wie Spielhügeln, Sand- und Wasserlandschaften, gepflanzten Nischen zum Verstecken und ausgewählten Spielgeräten zum Schwingen, Drehen, Schaukeln, Hüpfen und Klettern.
Spielplätze sollen nicht primär eine Ansammlung von Spielgeräten sein, sondern durch Strukturierung des Spielgeländes, durch Bepflanzung und Geländemodellierung soll jene anregende Atmosphäre geschaffen werden, in der Kinder eigenes Spiel entwickeln, ihre Phantasie gebrauchen und in der Nutzung des Geländes vielfältige Fertigkeiten entwickeln.
Ein naturnah gestalteter Spielplatz bietet Kindern die Möglichkeit, ihren Bewegungsdrang auszuleben und mit Naturmaterialien wie Sand, Wasser, Holz, Erde und Pflanzen zu experimentieren. Je vielfältiger ein Spielraum angelegt ist, je mehr Veränderungen dort erfahrbar sind und zugelassen werden, desto reichhaltiger sind auch die Erlebnisse, die Kinder dort sammeln können.
Unsere Aufgabe muss es also sein, Kindern entsprechende Bewegungs- und Erfahrungsräume zur Verfügung zustellen, denn: Raum und Zeit zum Spielen zur Verfügung zu haben, ist ein Grundrecht unserer Kinder!
Natürlich bedarf es hiefür vieler beweglicher und etwas bewegender Erwachsener, die für die Gestaltung kindgerechter, attraktiver und naturnaher Spielräume eintreten – ihnen sei ein Satz von Friedrich Schiller mit auf den Weg gegeben: Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt!“
(Thema des Monats Juli 2006)
Links
Literaturtipps