Kindliche Mitbestimmung in der FamilieUlrike Zartler, Andrea Marhali, Johannes Starkbaum Die UN-Kinderrechtskonvention legt großen Wert auf die Mitgestaltungs- und Mitbestimmungsrechte von Kindern: Partizipationsrechte zählen zu den Grundprinzipien der Kinderrechtskonvention, und mehrere Artikel beziehen sich auf dieses Recht. Partizipation bedeutet, dass Kinder und Jugendliche an Entscheidungen mitwirken, die sie betreffen, dass sie in wichtigen Belangen mitbestimmen und aktiv ihre Lebensbereiche mitgestalten können. Ein wichtiger kindlicher Lebensbereich ist die Familie: der überwiegende Teil aller österreichischen Kinder wächst in einer Familie auf. Wie diese Familien ihr Zusammenleben gestalten und inwieweit Kinder bei Familienentscheidungen mitbestimmen können, ist jedoch sehr unterschiedlich. Die Studie “Familien in Nahaufnahme. Eltern und ihre Kinder im städtischen und ländlichen Raum”[1] beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie die kindliche Partizipation in der Familie gehandhabt wird. Zu diesem Zweck wurden Foto-Befragungen mit 50 Kindern im Alter von zehn Jahren (4. Klasse Volksschule) durchgeführt. Die Kinder wurden zunächst gebeten, mit einer Einwegkamera Fotos zu verschiedenen Themen anzufertigen. In den Einzelinterviews konnten sie diese Fotos dann kommentieren und erklären. Weiters wurden Interviews mit den Eltern der befragten Kinder geführt (71 Eltern: 46 Mütter, 25 Väter). Die Gespräche fanden in Wien und im Südburgenland statt. Im Folgenden werden einige zentrale Ergebnisse präsentiert. Kinder sehen sich in ihren Familien als aktive EntscheidungsträgerInnen – auch bei eingeschränkter Mitsprache Die befragten Kinder präsentieren sich zunächst als aktive Entscheidungsträger/innen bei familialen Entscheidungen. Sie zeigen ein ausgeprägtes Bewusstsein für Kinderrechte, insbesondere für Selbstbestimmungs- bzw. Mitspracherechte. Allerdings erscheint die Umsetzung im konkreten Familienalltag oft schwierig: Im weiteren Interviewverlauf schwächen die Kinder ihre Aussagen oft ab und berichten von Lebensbereichen und Situationen, in denen sie kaum mitreden können. Sie erzählen, dass (ritualisierte) Entscheidungsstrukturen in der Familie mitunter die Kinder benachteiligen und Hierarchien zwischen Eltern und Kindern verfestigen, wie folgendes Beispiel veranschaulicht: Also das wird immer so gemacht: Ich habe immer eine halbe Stimme, meine Mutter hat eine ganze und mein Stiefvater hat eine ganze. Außer zu meinem Geburtstag, da habe ich zwei Stimmen.“ (Junge, Wien) Bereiche, in denen Kinder häufig mitentscheiden: Persönliches und Freizeitgestaltung Auf der persönlichen Ebene (Kleidung, Frisur, Kinderzimmereinrichtung) haben die befragten Kinder relativ viele Mitsprachemöglichkeiten, ähnliches gilt für die Freizeitgestaltung: Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten ihrer Familie haben die Kinder viel Mitsprache und nehmen eine durchaus machtvolle Position ein, wie die folgenden Zitate illustrieren: Kleidung, das dürfen wir uns aussuchen, weil die Mama weiß, wenn sie was aussucht und es gefällt uns nicht, dann werden wir es wahrscheinlich nicht anziehen.“ (Mädchen, Wien) “Also, wenn der Papa was sagt, was mir nicht gefällt, dann sag ich schon, ‘Da fahr ich nicht mit, dann bleib ich daheim.’ Aber dann fahren wir meistens eh woanders hin.” (Mädchen, Burgenland) Wie viel Mitsprache Eltern ihren Kindern zugestehen, hängt vor allem vom Elterntyp ab. Das Ausmaß kindlicher Mitgestaltung bei familialen Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen ist davon abhängig, welche Haltung die Eltern gegenüber kindlicher Partizipation haben. Im Wesentlichen können hier zwei Elterntypen unterschieden werden: permissive Eltern gestehen ihren Kindern meist ein umfassendes Mitspracherecht in vielen Familienentscheidungen zu, wie z.B. folgende Mutter, die über ihre Tochter sagt: Also, was sie machen möchte, darf sie machen. Ja, da hüpfe ich mit als brave Mama. Und sie gibt das sehr strikt vor, also ‘Ich will das, ich will das, ich will das’, und es wird gemacht.“ (Mutter, Wien) Oft begründen permissive Eltern ihre Haltung mit negativen Erfahrungen in der eigenen Kindheit, da sie selbst mitunter kein Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht hatten und dies nun ihrem eigenen Kind ermöglichen wollen. Restriktive Eltern hingegen sind der Meinung, dass umfassende Mitbestimmungsmöglichkeiten ihre Kinder überfordern würden und beschränken die Mitbestimmung auf bestimmte Bereiche bzw. geben eingeschränkte Auswahlmöglichkeiten vor. Sie argumentieren häufig mit der größeren Lebenserfahrung und Weitsicht der Erwachsenen: Ich halte sehr viel davon, Kinder in einen gewissen Prozess einzubinden, aber um die Meinungen anzuhören. Weil ein Erwachsener hat immerhin mehr Erlebnisse, Erfahrungen und Übersicht, wie sich das schlussendlich auswirkt. Also, die Kinder haben bei Entscheidungen eine beratende Funktion.“ (Mutter, Burgenland) Wichtig ist festzuhalten: Sowohl permissive als auch restriktive Eltern argumentieren mit dem Wohl der Kinder, beide Elterntypen wollen das Beste für ihr Kind. Eltern wünschen sich einen weiteren Ausbau der Vermittlung von Kinderrechten. Ein Großteil der befragten Eltern wünscht sich ganz allgemein eine Förderung der Kinderrechte und einen weiteren Ausbau der Vermittlung von Kinderrechten, damit Kinder ihre Rechte kennen und diese adäquat und sinnvoll in ihrem Lebensalltag umsetzen können.
[1] Zartler Ulrike, Marhali Andrea, Starkbaum Johannes, Richter Rudolf (2009): Familien in Nahaufnahme. Eltern und ihre Kinder im städtischen und ländlichen Raum”, erstellt am Institut für Soziologie der Universität Wien, im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend.
(Thema des Monats Februar 2010)
Ulrike Zartler: Partizipation in der Familie: ein zentrales Lernfeld kindlicher Entwicklung |
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