Partizipation in der Familie: ein zentrales Lernfeld kindlicher Entwicklung
Von Dr. Ulrike Zartler, Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Wien und Leiterin des Projekts “Familien in Nahaufnahme”.
Die Art und Weise, wie Kinder gesehen werden, hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, und ein neues Bild von Kindern ist in (Teilen) der Gesellschaft entstanden: Kinder werden zunehmend als aktiv handelnde Subjekte betrachtet, die ihr eigenes Leben und ihre Umwelt aktiv mitgestalten und Einflüssen von außen nicht passiv ausgesetzt sind. Die Wahrnehmung des Kindes verändert sich zunehmend vom passiven Objekt” hin zum “aktiv handelnden Subjekt“.
Dieses veränderte Bild zeigt sich auch in einer Veränderung der Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern: Diese sind heute nicht mehr in erster Linie von Autorität und Gehorsam geprägt, sondern basieren vielfach auf emotionaler Zuwendung, kindorientierter Kommunikation und veränderten Erziehungsleitbildern und -ansprüchen. Mütter wie Väter sehen sich häufig als soziale Interaktionspartner ihrer Kinder und legen zunehmend Wert auf die Prinzipien des Verhandelns und Argumentierens. Das Schlagwort einer Entwicklung “vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt” charakterisiert diese Veränderungen sehr treffend.
Diese Entwicklung führt – gemeinsam mit einer Reihe anderer gesellschaftlicher Veränderungen – dazu, dass Familien heute weniger von fixen Regeln und starren Normen geprägt sind, als das früher der Fall war. Sie sind vielmehr Gebilde, die erst durch das Zusammenleben und aktive Gestalten der einzelnen Mitglieder entstehen: Familie ist etwas, das täglich neu hergestellt und ausverhandelt werden muss. Normen, Regeln, Verhaltensweisen und Strategien zur Alltagsbewältigung müssen gemeinsam erarbeitet werden.
Eine Umsetzung beider Entwicklungen – die veränderte Sichtweise von Kindern und die veränderten Gestaltungsgrundsätze von Familien – ist im Familienalltag auf der Basis autoritärer Strukturen nicht möglich. Es ist vielmehr erforderlich, dass alle Familienmitglieder am gemeinsamen Leben teilhaben und es zusammen entwickeln. In Entsprechung zu veränderten Erziehungsvorstellungen und der veränderten Stellung des Kindes in der Familie ist die Eltern-Kind-Beziehung auch zunehmend von kindlicher Partizipation an Familienangelegenheiten geprägt.
Gelingende Partizipation setzt Kompetenzen wie z.B. die Fähigkeit zur Kommunikation, zur Artikulation eigener Wünsche und Bedürfnisse, zur Konfliktlösung, aber auch die Berücksichtigung bzw. Antizipierung der Interessen anderer voraus. Finden partizipatorische Prozesse in der Familie statt, so können diese Kompetenzen dort erlernt und geübt werden. Die Familie ist für Heranwachsende damit ein zentraler sozialer Ort für die Entwicklung kompetenten sozialen Handelns, für die Herausbildung von Wertorientierungen und Weltdeutungen. Sie kann als wichtiges Lernfeld für andere Lebensbereiche und Partizipationsfelder, z.B. in Gemeinde oder Schule, gelten. In der Familie wird die Basis dafür geschaffen, dass Kinder auch in anderen Lebensbereichen partizipieren können. In Schule und Freizeit greift die Beziehung zu Gleichaltrigen, aber auch jene zu anderen Erwachsenen, wesentliche Elemente der Beziehung zu den Eltern und der Beziehungen innerhalb der Familie (z.B. mit Geschwistern, Großeltern oder anderen Verwandten) auf und setzt sie fort. Familie hat also durchaus Modellwirkung“.
Die Bedingungen, unter denen diese Partizipationserfahrungen gemacht werden, sind jedoch höchst unterschiedlich: Die kindliche Entwicklung in der Familie ist stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen sowie den Kompetenzen der beteiligten Erwachsenen abhängig. Daher gilt es, Familien und die in ihnen lebenden Eltern und Kinder zu fördern und zu stärken, wenn Partizipation auch in anderen Lebensbereichen als funktionierendes Modell etabliert werden soll.
(Thema des Monats Februar 2010)
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