Bildungsstandards für das verpflichtende Kindergartenjahr
Welchem Standard sollte Bildung im letzten Kindergartenjahr vor dem Schuleintritt entsprechen?
Mag.a Lisa Kneidinger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Charlotte Bühler-Instituts für praxisorientierte Kleinkindforschung, Kindergarten- und Hortpädagogin, Psychologin, Supervisorin & Coach
Bildungsstandards spielen zurzeit in der österreichischen Bildungsdiskussion eine zentrale Rolle. So werden beispielsweise seit 2001 für Schulen Standards im Sinne von Grundkompetenzen entwickelt, mit denen eine zeitgemäße Grundbildung definiert und ihre Umsetzung gefördert werden soll. (vgl. http://www.bmukk.gv.at).
Ist es nun möglich, dieses für Schulen gültige Verständnis von Bildungsstandards auf den Kindergarten zu übertragen? Hier könnte rasch die Meinung entstehen, dass mit der Erarbeitung von Bildungsstandards in elementaren Bildungseinrichtungen der Auftrag verbunden ist, strikte Vorgaben zu machen, zu welchen Leistungen Kinder am Ende ihrer Kindergartenzeit im Stande sein sollen. Es würde ein Ergebnisprofil entstehen, das zum Ausdruck bringt, was Kinder am Ende der Vorschulzeit können sollen. Damit kämen allerdings nicht nur Kinder und deren Eltern, sondern auch Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen unter enormen Druck. Zusätzlich würde dieser Vorgangsweise ein Bildungsverständnis zugrunde liegen, das dem in der österreichischen Kindergartenpädagogik gelebten Verständnis widersprechen würde: Bildung ist nicht etwas von anderen Machbares, etwas Herstellbares, sondern entsteht in einem ko-konstruktiven Prozess, an dem sowohl das einzelne Kind, als auch unterstützende Erwachsene und andere Kinder beteiligt sind.
Bildungsstandards im Kindergarten sollen keinesfalls zu einer Normierung von Kindern und ihren Leistungen führen. Ihr zentrales Ziel ist es vielmehr, Verbindlichkeit zu schaffen, wie der Bildungsauftrag des Kindergartens verstanden wird und welche Konsequenzen damit verbunden sind.
Mit der Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres ab Herbst 2009 (einzelne Bundesländer erst ab 2010) rückt nicht nur die Bedeutung frühkindlicher Bildung, sondern auch die Qualität elementarpädagogischer Einrichtungen vermehrt in den Blickpunkt gesellschaftspolitischer Überlegungen. Laut einer Untersuchung von Tietze (1998) machen Qualitätsunterschiede im Kindergarten bis zu einem Jahr Entwicklungsunterschied bei Kindern im Vorschulalter aus. Darüber hinaus wirkt sich unzureichende Qualität im Kindergarten bereits am Ende der zweiten Klasse Volksschule auf die Schulleistungen, die sozialen Kompetenzen der Kinder sowie ihre Sprachkompetenz aus. Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, im Kindergarten pädagogische Prozesse qualitativ hochwertig zu planen, zu gestalten und zu reflektieren.
Ein österreichweit gültiger Bildungsplan für elementarpädagogische Einrichtungen kann die Pädagoginnen und Pädagogen bei der Umsetzung dieser anspruchsvollen Aufgabe unterstützen. Das Charlotte Bühler-Institut für praxisorientierte Kleinkindforschung hat daher im Auftrag der österreichischen Bundesländer im Arbeitsjahr 2008/09 einen Bildungs-Rahmenplan für alle Kinder bis zum Schuleintritt entwickelt, der ab Oktober 2009 implementiert werden soll. Darauf aufbauend soll im kommenden Arbeitsjahr im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend ein zusätzliches integriertes Modul für 5-Jährige erarbeitet werden, das unter anderem Bezug auf die grundlegenden Kompetenzen der Kinder nehmen soll.
Unter Kompetenzen kann ein Netzwerk von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Strategien und Routinen verstanden werden, das jeder Mensch zusätzlich zur Lernmotivation benötigt, um in unterschiedlichen Situationen handlungsfähig zu sein.“ (vgl. Bundesländerübergreifender Bildungs-Rahmenplan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich, 2009). Kindliche Kompetenzen als Planungsgrundlage für die Gestaltung pädagogischer Prozesse unterscheiden sich von pädagogischen Zielen insofern, als dass sie vom intrinsischen Bedürfnis des Kindes, zu lernen und sich zu verändern, ausgehen. Kinder sind von Geburt an aktiv Lernende, die neue Erfahrungen über sich und ihre Umwelt gewinnen und durch ihre Neugierde und Selbsttätigkeit ständig neues Wissen erwerben. Die Pädagogin oder der Pädagoge bauen bei der Planung und Gestaltung der Bildungsprozesse auf dieser Lernmotivation der Kinder auf.
Das Modul für 5-Jährige, das in den bundesländerübergreifenden Bildungs-Rahmenplan integriert werden kann, wird die Stärkung der für den Schuleintritt notwendigen Basiskompetenzen, wie Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz sowie die lernmethodische Kompetenz, beschreiben. Anhand der bereits im Bildungs-Rahmenplan angeführten Bildungsbereiche wird dargestellt, über welche Fähigkeiten, Fertigkeiten, Strategien und Routinen fünf- bis sechsjährige Kinder verfügen und wie der Kompetenzerwerb durch pädagogische Impulse weiter unterstützt werden kann. Ergänzende Leitfragen zur Selbstreflexion sowie zur Reflexion der Bildungsangebote und der Lernumgebung regen Pädagoginnen und Pädagogen dazu an, die tägliche Bildungsarbeit in elementarpädagogischen Einrichtungen kritisch zu hinterfragen und damit ihre Professionalität weiterzuentwickeln.
Einen besonderen Schwerpunkt der Bildungsarbeit mit Kindern im letzten Kindergartenjahr stellt die Förderung der kindlichen Transitionskompetenzen dar. Das Vorschulkind hat − gemeinsam mit seiner Familie − mit dem Wechsel vom Kindergarten in die Volksschule nicht nur einen Übergang zu bewältigen, sondern auch die mit diesem Übergang verbundenen Belastungen und Anpassungsleistungen zu meistern. Eine Vernetzung zwischen Kindergarten, Volksschule und Familie hilft den Kindern und Eltern beim Aufbau und der Stärkung von Transitionskompetenzen.
Zusätzliche Themen, die das letzte Kindergartenjahr auszeichnen, sind die Förderung von so genannten Vorläuferfähigkeiten für den Schriftspracherwerb und für den Erwerb mathematischer Kompetenzen sowie der naturwissenschaftlichen Grundbildung der Kinder.
Wenn Bildungsstandards für den Kindergarten im Sinne ausformulierter kindlicher Kompetenzen in zentralen Bildungsbereichen wie u.a. Sprache und Kommunikation, Bewegung und Gesundheit, Ästhetik und Gestaltung, Natur und Technik oder Emotionen und soziale Beziehungen dargestellt werden, eröffnen sich zahlreiche Chancen für alle, die an Bildungsprozessen in elementarpädagogischen Einrichtungen beteiligt sind:
- Pädagoginnen und Pädagogen erhalten Richtlinien für ihre pädagogische Arbeit, um das lustvolle, weil interessensgeleitete Lernen der Kinder im Hinblick auf den Erwerb jener Kompetenzen zu unterstützen, die Kinder später als Schülerinnen und Schüler sowie als Erwachsene für eine erfolgreiche Gestaltung ihres Lebens brauchen werden.
- Eltern erhalten Informationen über die Arbeit im Kindergarten: Bildungsprozesse werden transparenter und verbindlicher, ohne jedoch den individuellen Freitraum bei Gestaltung der konkreten pädagogischen Arbeit einzuschränken.
- Pädagoginnen und Pädagogen können im Sinne einer Professionalisierung ihre eigenen Fachkompetenzen weiter entwickeln und erhalten durch diese Bildungsstandards ein Instrument zur Selbstevaluation.
(Thema des Monats September 2009)
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Literaturtipps