Im untersten Stockwerk
Kinderarmut in Österreich: Zukunft trotz(t) Herkunft!
Mag. Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie (www.diakonie.at) und Mitinitiator der Armutskonferenz (www.armut.at).
Einleitung
Dieser Beitrag möchte eine kurze Einführung zum Status von Kinderarmut in Österreich geben. Dazu wird die aktuelle Statistik zur Einkommensarmut zu Rate gezogen und die mit ausgrenzenden Lebensbedingungen verknüpfte manifeste Armut“ beleuchtet. Signifikante Auswirkungen zeigen sich auf dem Feld der Gesundheit, psychosozialer Faktoren und der subjektiven Bewältigungsstrategien. Neben der Querschnittanalyse werden die sozialen Aufstiegschancen von Kindern anhand des Bildungs- und Lernerfolgs betrachtet.
Je früher, je schutzloser und je länger
Ein Leben auf dem Drahtseil ist fast unmöglich in Balance zu halten. Armut bedeutet einen Drahtseilakt tagtäglich zwischen es gerade noch schaffen“ und Absturz. Die Betroffenen sind bunter als der schnelle Blick glauben macht. Der Dauerpraktikant mit Uni-Abschluss und der Schulabbrecher, die Alleinerzieherin und die Langzeitarbeitslose, der Mann mit Depression und der Überschuldete, das Mädchen in der Leiharbeitsfirma wie der Sohn als Ich-AG. Kürzlich in der Beratungsstelle: ein junge Frau mit zwei Kindern, deren prekäres Einkommen so gering ist, dass sie entscheiden muss: zahle ich die Krankenversicherung oder die Miete oder die Hefte zum Schulanfang für die Kinder?
Das Essensgeld ist noch immer nicht gezahlt. Sie kommen in der Früh hungrig in den Kindergarten. Im Winter stapfen sie mit Turnschuhen durch den Schnee. Das sind Kinder, die in knappen finanziellen Verhältnissen aufwachsen. Der Schulanfang macht große Probleme, wenn Zirkel, Hefte, Stifte, Einbände und Werksachen gekauft werden müssen. Die Eltern versuchen zuerst einmal sich selbst einzuschränken, um den Kindern weiter ein normales Leben zu ermöglichen. Das geht auch einige Zeit gut, aber nicht auf Dauer. In Haushalten, die unter der Armutsgrenze leben, muss das vorhandene Einkommen für das Notwendigste ausgegeben werden: Wohnen, Heizen und Ernährung. Für Sozialkontakte, Bildung, gar Nachhilfestunden bleibt da nichts mehr übrig. Dann schlägt die angespannte finanzielle Situation in Armutshaushalten auch auf den Alltag der Kinder durch. Und auf ihre Zukunft.
Die Chance aus der Armut herauszukommen, steht in enger Wechselbeziehung zu gesellschaftlicher Ungleichheit insgesamt. Je sozial gespaltener eine Gesellschaft ist, desto mehr Dauerarmut existiert. Je mehr Dauerarmut existiert, desto stärker beeinträchtigt sind die Zukunftschancen sozial benachteiligter Jugendlicher. Je früher, je schutzloser und je länger Kinder in Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen.
Aktuelle Zahlen können eine Eindruck über die Dimension des Phänomens geben: 135.000 Kinder und Jugendliche sind manifest arm“ (Statistik Austria 2011). Das heißt, neben einem geringen Einkommen des Haushalts, in dem sie leben, treten schwierigste Lebensbedingungen auf, wie: die Wohnung nicht warm halten können, keine unerwarteten Ausgaben wie kaputte Waschmaschine oder Boiler tätigen können, gesundheitliche Probleme oder feuchte schimmlige Wände. Ihre Eltern sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend, psychisch bzw. physisch beeinträchtigt, oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Um die 50.000 Kinder und Jugendliche verbringen ihre Tage unter Sozialhilfebedingungen. Über 200 000 Minderjährige müssen in feuchten und schimmligen, oft auch überbelegten Wohnungen leben, das heißt sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit zu wenig Platz zum Spielen und Arbeiten, keinen eigenen Schreibtisch. Der eigene Platz zum Lernen, sich zu Konzentrieren ist ein Faktor, der in den OECD-Bildungsstudien als wichtiger Indikator für Lernerfolg beschrieben ist. 84.000 Kinder müssen in Wohnungen leben, die im Winter nicht angemessen warm gehalten werden können, 58.000 können sich einen notwendigen Arztbesuch nicht leisten.
Armut ist relativ. Sie setzt sich stets ins Verhältnis, egal wo. Sie manifestiert sich in reichen Ländern anders als in Kalkutta. Menschen, die in Österreich von 300 oder 500 € im Monat leben müssen, hilft es wenig, dass sie mit diesem Geld in Kalkutta gut auskommen könnten. Die Miete ist hier zu zahlen, die Heizkosten hier zu begleichen und die Kinder/Jugendlichen gehen hier zur Schule.
Armut ist das Leben, mit dem die wenigsten tauschen wollen. Arme Jugendliche haben die schlechtesten Jobs, die geringsten Einkommen, die kleinsten und feuchtesten Wohnungen, sie haben die krankmachensten Tätigkeiten, wohnen in den schlechtesten Vierteln, gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten – außer beim Tod, der ereilt sie um einige Jahre früher als Angehöriger der höchsten Einkommensschicht.
Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen.
Bei Kindern von Erwerbslosen und Sozialhilfeempfänger/innen treten überproportional asthmatische Erscheinungen und Kopfschmerzen auf. Teilt man die Gesellschaft in drei soziale Schichten, treten bei Kindern in der unteren Schicht mehr Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Einsamkeit auf (Klocke/Hurrelmann 1995). Diese Kinder tragen die soziale Benachteiligung als gesundheitliche Benachteiligung ein Leben lang mit. Sie sind auch als Erwachsene deutlich kränker als der Rest der Bevölkerung. Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen.
So werden Kinder in die Schule geschickt, auch wenn sie krank sind. Alleinerzieherinnen fürchten Arbeitsplatzverlust bei häufigem Fehlen bzw. wiederholten Bitten um Pflegeurlaub. Familien aus dem unteren Einkommenssegment gehen erst bei extremer Not zum Arzt. Dieser muss die Krankheit möglichst rasch beseitigen, damit der Körper wieder funktioniert. Der Körper wird zur Arbeitsmaschine zur Bewältigung des stressbelasteten und prekären Alltags.
Chronische sozioökonomische Belastung geht unter die Haut. Denn Leben am Limit macht Stress. An sich ist Stress nichts schlechtes, er gehört sogar zum täglichen Leben. Stress ist nichts weiter als der Versuch des Körpers, sich in anstrengenden Zeiten an die Situation anzupassen. Wenn aber Entspannung über einen längeren Zeitraum hinweg ausbleibt, wird es gesundheitlich belastend.
Gesicht verlieren
Dazu kommt die Scham, die eigene Armutssituation zu zeigen. Wenn das eigene Ansehen bedroht ist, fühlen wir Scham. Scham ist bedrohtes Ansehen. Von finanzieller Not Bedrohte versuchen so lange wie möglich die Normalität aufrechtzuerhalten, das Gesicht vor den anderen zu wahren. Das braucht zusätzlich zu den schwierigen Lebensumständen nochmals viel Energie.
Die dauernde Überanspruchung der eigenen Ressourcen macht Menschen verletzlicher und schwächt die Widerstandsfähigkeit. So schwinden die persönlichen Ressourcen innen wie auch die sozialen von außen. Die Vulnerabilität, die Verwundbarkeit wird höher. Dazu kommt, dass auch das Nichteintreten erwarteter Ereignisse wie erhoffte Entlastung oder zugesagter Job massiv belastend wirkt und Stress chronifiziert. Die so genannte Managerkrankheit mit Bluthochdruck und Infarktrisiko tritt bei Armutsbetroffenen dreimal so häufig auf wie bei den Managern selbst. Aber nicht weil die Manager weniger Stress haben - sondern weil sie die Freiheit haben, den Stress zu unterbrechen: mit einem schönen Abendessen oder einer Runde Golf. Sie können sich Erholung wählen, was die anderen nicht können. Den Unterscheid macht die Freiheit.
Ein Beispiel aus der Praxis einer Beratungsstelle: Der Vater eines Mädchen in der dritten Klasse Volksschule ist seit zwei Jahren arbeitslos. Die Mutter ist Hausfrau. Aufgrund der Arbeitslosigkeit haben sich die Schulden der Familie dramatisch angehäuft. Die persönlichen Kontakte der Familie ändern sich, die Kontakte nach außen werden reduziert. Das Kind nimmt an keinen teuren Schulveranstaltungen mehr teil. Die Probleme werden jedoch nicht offen ausgesprochen, die Tochter wird oft krank gemeldet. Auch mit den Familien der Schulkolleg/innen werden kaum noch Kontakte gepflegt. Es herrscht offensichtlich Angst vor dem Einblick in die soziale Situation.
Welche subjektiven Bewältigungsstrategien Kinder in Armutsverhältnissen ergreifen, untersuchte Richter (2000) in einer groß angelegten Studie. Die vier möglichen Strategien waren: 1. Mit sich selbst ausmachen, 2. Soziale Unterstützung suchen/gewähren, 3. Anstatt-Handlung/ Haltung (beschreibt die Umbewertung von Ereignissen, beispielsweise in der Form, dass ein Kind sich einzureden versucht, ein sehnlichst gewünschtes Spielzeug sei gar nicht schön, oder es wolle mit bestimmten Kindern, von denen es ausgeschlossen wurde, ohnehin nichts zu tun haben) und 4. An die Umwelt weitergeben (umfasst sowohl aggressive Verhaltensweisen als auch Forderungen an die Eltern). Die Kategorie mit sich selbst ausmachen“ wurde am häufigsten genannt. Sie beschriebt ein Verhalten, dass die Kinder u.a. mit weggehen, nachdenken, an etwas anderes denken beschreiben.
Jugendliche ohne Zukunft?
"Ich hab keinen Lehrabschluss, mein Leben ist sowieso gelaufen", sagt mir ein 16-Jähriger in der Notschlafstelle. 10.000 Jugendliche verlassen vorzeitig die Schule. 30.000 Kinder und Jugendliche in Österreich sind auf Unterstützung der Jugendwohlfahrt angewiesen.
Doch: Niemand darf so einfach verloren gehen. Das Projekt «c’mon 14» oder «move on» in Wien geht in die Schulen und bietet Hilfe an, wenn es nicht mehr geht. Das wird gut angenommen, wie man hört. Das Jobcoaching-Projekt der Diakonie in Kärnten beispielweise bietet erfolgreich Begleitung, wenn es um Lehrstellen geht. In Oberösterreich fängt sie junge Leute in ihrer Notschlafstelle auf, investiert in frühe Hilfen und begleitet in 237 Schulen Kinder und Jugendliche im Alltag; sie hilft beim Lernen, hat ein offenes Ohr bei Problemen und gibt Halt, wo sonst keiner wäre. Jobcoaching und Schulassistenz sind gute Beispiele für niederschwellige Angebote, also Unterstützung ohne Hürden, lebensnah, flexibel und unbürokratisch. Beispiel heißt aber auch, dass es das nur bruchstückhaft gibt. Es bräuchte aber einen flächendeckenden Ausbau von schulunterstützender Sozialarbeit wie auch mehr Schnittstellen zwischen Schule und offener Jugendarbeit.
Es geht darum, jungen Leuten, die als "verloren" geglaubt werden, Zukunft zu geben. Es geht darum, die Schnittstellen zwischen Schule, sozialer Arbeit und Ausbildung zu sichten und zu verbinden. Es geht darum, präventiv und frühzeitig zu helfen. Denn mangelnde Investitionen und Hilfe erzeugen soziale und gesellschaftliche Kosten. Mehr soziale Probleme verursachen volkswirtschaftliche Kosten. Eine höhere Schulabbrecher-Quote beispielsweise erzeugt durch steigende Sozialausgaben, höhere Gesundheitskosten und entgangene Steuereinnahmen Kosten von 3 Milliarden Euro bei 10.000 Drop-Outs. Die soziale Schere kommt uns teuer. Geht die Schere zwischen arm und reich noch mehr auf, heißt das mehr Krankheiten und geringere Lebenserwartung, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr Status-Stress, weniger Vertrauen, mehr Schulabbrecher/innen, vollere Gefängnisse, mehr Gewalt und mehr soziale Ghettos. Die soziale Schere bringt mehr Gewalt, mehr Stress, weniger Leben und weniger Vertrauen. Dazu gibt es Bücherregale voll empirischer Belege aus der Public Health Forschung.
Neuere Studien der WU Wien zum Schulabbruch weisen auf die Mängelstellen hin: Schulinterne Risikofaktoren sind zu große Lerngruppen, mangelnde pädagogische Kooperation oder nicht vorhandenes Mentoring. Systemisch steigt das Risiko mit nichtvorhandenen ganztägigen Schulformen, dem System des Sitzenbleibens oder mangelnder vorschulischer Angebote. Außerschulisch läuft es falsch, wenn es keine Elternarbeit gibt, keine Öffnung zur Schulumgebung, zum Stadtteil und keine Kooperation mit der offenen Jugendarbeit.
Vom Kleinkind- bis zum Vorschulalter bieten sich große Chancen, Kinder spielerisch und individuell zu fördern. Eine integrative Pädagogik ist in dieser Phase ein schützender und stärkender Faktor für das Selbstbewusstsein der Kinder. Und sie hilft, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zu entfalten. Ein guter Start in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ist wichtig. Bekomme ich vom zukünftigen Leben den Geschmack von Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, von Vertrauen und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt – oder geschätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst und Stress geprägt oder von Vertrauen und Planbarkeit?
Die frühen Hilfen“, sogenannte early preventions“, haben einen großen Nutzen fürs Kind und auch für die Gesellschaft. Ziel ist es, Eltern so früh wie möglich umfassend bei der Aufgabe zu unterstützen, ihre Kinder gut und verlässlich zu versorgen und eine sichere wie liebevolle Bindung zu ihnen aufzubauen. Eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind legt den Grundstein für ein gutes Aufwachsen. Der Mensch wird am Du zum Ich. Wir brauchen – gerade am Anfang – den/die andere/n, um zu uns selbst zu kommen. Kinder mit sicherer Bindung sind selbstbewusster, weniger aggressiv/depressiv und haben ein größeres Einfühlungsvermögen. Auch bei den Eltern wirkt es sich gut aus: in Form von höherer Selbstwirksamkeit, also der Erfahrung, dass das eigene Handeln Wirkung zeigt. Investitionen im frühkindlichen Bereich haben den höchsten Return on Investment, zahlen sich am meisten aus. Ein investierter Dollar entspricht einer Rendite von acht Dollar, hat Nobelpreisträger James Heckmann für die USA errechnet. Bei benachteiligten Kindern beträgt sie sogar 16 Dollar, eine Hebelwirkung von 1 zu 16. Zu keinem anderen Zeitpunkt kann man Zukunftsgeld so sinnvoll einsetzen wie zu diesem.
Aus der Forschung wissen wir, wie wichtig für die Entwicklung des Kindes die Frühphase des Lebens ist. Die Betreuung rund um die so bedeutende Zeit von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett weist aber in Österreich deutliche Lücken auf; besonders für Familien mit weniger Einkommen ist eine gute Begleitung oft nicht leistbar. Österreich hat enormen Aufholbedarf was gute und leistbare Betreuung für Mutter/Vater und Kind in den ersten Jahren betrifft.
Aus armen Kindern werden arme Eltern, aus reichen Kindern werden reiche Eltern.
Trotz der im europäischen Vergleich geringen Kinderarmut schneidet Österreich in der sozialen Mobilität nach oben“ nur durchschnittlich ab. Die soziale Herkunft entscheidet überaus stark den weiteren Lebensweg. Das Haushaltseinkommen bestimmt in Österreich maßgeblich den Bildungsweg der Kinder.
In äußerst beengten Verhältnissen und überbelegten Wohnungen ist es für die Kinder schwieriger, Aufgaben zu fokussieren. Aber es muss gehen. Die älteste Tochter von Frau Kellner, Petra, passt auch an vier Nachmittagen auf die kleineren Geschwister auf. Da ist die Mutter bei der Arbeit. Und wenn die Mutter nicht mehr kann, springt sie ein. Im letzten Winter haben sie uns den Strom abgedreht“, erinnert sich Bettina Kellner. Es war bitter kalt in der Wohnung. Die Kinder haben geweint.“ Und wochenlang nicht gelernt. Petra, jetzt 15, fühlt alles akut mit, sieht, dass wir mit den täglichen Aufgaben allein dastehen. Nahe Verwandte in der Nähe gibt es nicht und meine Mutter ist selbst bettlägerig.“ Das Mädchen ist mit der Schule und den Herausforderungen der Pubertät eigentlich überfordert, knickt immer wieder ein, wird krank und von lähmender Müdigkeit befallen. Viele Jugendliche reagieren mit depressiven Verstimmungen auf belastende und überfordernde Situationen.
Es ist nicht ein Faktor, der zu schlechten Schulleistungen führt. Es ist auch nicht ein Faktor, der Kinder aus ökonomisch benachteiligten Familien geringe Aufstiegschancen beschert. Es ist die Kombination aus einem Bündel von Kriterien: Eine überbelegte Wohnung fällt zusammen mit einer Halbtagsschulordnung. Wenig Einkommen trifft auf ein einkalkuliertes Nachhilfesystem. Keine Unterstützung zu Hause kommt mit eigener Erschöpfung und Unkonzentriertheit zusammen.
"Wo stehst du, wenn du 30 Jahre alt bist?", wurden die Fünfzehnjährigen in ganz Europa im Rahmen der PISA-Studie gefragt. Ergebnis: In Österreich trauen sich Jugendliche aus Familien mit geringem sozioökonomischen Status weniger zu als Jugendliche aus vergleichbaren Familien in Finnland oder Kanada. Man weiß, wer wohin gehört. In Österreich erwarteten sich die 15jährigen, die bereits nach ihrer vermeintlichen Leistungsfähigkeit zugewiesen wurden, deutlich weniger von ihrer Zukunft als in Ländern, in denen soziale Aufstiegschancen besser gewährleistet werden. Aus armen Kindern werden arme Eltern, aus reichen Kindern werden reiche Eltern.
Schule kann viel, aber nicht alles leisten. So hat Finnland Spitzenwerte bei der Unterstützung sozial benachteiligter Kinder, aber trotzdem eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die beste Schule nützt nichts, wenn die Übergänge zum Arbeitsmarkt mangelhaft sind oder Jobs fehlen. Schule ist, auch wenn sie die längsten Jahre verpflichtend ist, ein Angebot an Kinder und Jugendliche. Nicht alle werden es im gleichen Maß nützen. Nicht erspart bleibt Lehrenden und Schüler/innen Auseinandersetzung, pädagogische Grenzziehung und auch Scheitern.
Schule kann aber die Begabungsreserven der ihr anvertrauten Kinder mehr oder weniger entwickeln und mehr oder weniger ausschöpfen“. Alle internationalen Bildungsstudien zeigen dieselben Tendenzen auf. Die sechs entscheidenden Faktoren für Lernerfolg - nach ihrer Bedeutung geordnet - ergeben als wichtigstes Kriterium
(1) die Organisation des Schulsystems: den Grad der Selektivität, das heißt gemeinsame oder getrennte Schulform während der Pflichtschulzeit;
(2) den sozioökonomischen Status der SchülerInnen: Bildungsabschlüsse der Eltern, Berufspositionen der Eltern, kulturelle Güter im Haushalt;
(3) die sozioökonomische Zusammensetzung der Schule;
(4) die Schulressourcen;
(5) die Schul- beziehungsweise Unterrichtsprozesse und
(6) das Schulklima und die Lernumgebung.
Ob eine Schule sozial integrativ ist oder nicht, liegt an der Schulorganisation genauso wie an der Unterrichtsqualität, genauso wie an der Schulraumarchitektur genauso wie an der Lehrerausbildung. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Damit Zukunft nicht von der Herkunft abhängt, braucht es einen Bildungsweg, der nicht sozial selektiert, sondern individuell fördert, es braucht eine gut ausgebaute Frühförderung vor dem Schuleintritt, und es braucht den politischen Willen, um wachsender sozialer Polarisierung entgegenzutreten. Wichtig wäre auch, Schulen in sozial benachteiligten Bezirken oder Regionen besonders gut auszustatten und zu fördern, damit sie für alle Einkommensschichten attraktiv bleiben.
In Finnland besuchte ich einmal eine Schule im Osten, in einer Region mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen. Als ich die Direktorin fragte, was ihre Schule denn ausmache, zeigte sie auf zwei Bilder hinter sich an der Wand, dort waren zwei kurze finnische Sätze gerahmt. Das ist mir wichtig“, sagte sie: Keinen Schüler aufgeben“ und Kein Kind beschämen“.
Was den Schwachen gut tut, nützt auch den Starken. Wenn die Bedingungen stimmen. Denn wenn es zu wenig Integrationslehrer für Kinder mit Behinderungen gibt, wenn geschlossene Ausländerklassen“ zum Deutschlernen errichtet werden, wenn zweisprachige Begleitlehrer an allen Ecken fehlen, wenn leistungshomogene Restklassen entstehen, wenn die Klassen überfüllt sind, wenn die Raumarchitektur flexible Lernformen nicht zulässt – dann wird es nichts mit dem Nutzen für alle.
Die Frage, wie Kinder, die schwächer sind, gestärkt werden können, ist ja nicht neu: sozial benachteiligte Kinder, Kinder, die aufgrund ihrer Herkunftsfamilie Probleme haben, Kinder mit Behinderungen oder einfach solche, die die Unterrichtssprache noch nicht gut beherrschen. Die Idee, homogene Gruppen mit den Schwächeren zu bilden und diese im Namen der Integration von den Stärkeren zu trennen, ist auch nicht neu. Es waren immer die Gleichen, die von den Schwächeren Integration“ gefordert haben, um sie dann – wenn's ernst wurde – in Segregationsmodelle zu stecken. Wer nicht in das Schema passt, wird in eine Nische geschoben und dort von Spezialisten unterrichtet. Das ist ein System mit abschiebender Wirkung“, stellt der Leiter der Grazer Forschungsabteilung für Schulentwicklung, Werner Specht[i], fest.
Integration von benachteiligten Kindern und Jugendlichen heißt: soziale Teilhabeermöglichen, ihre Ressourcen und Fähigkeiten stärken – und setzt ein institutionelles Umfeld voraus, das mit Unterschieden produktiv umgehen kann. Das gilt für Kinder mit Behinderungen genauso wie für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen. Und: Integration kann allen nützen. Die Starken verlieren nicht. Im Gegenteil. Sie profitieren von den Lernbedingungen, die den Schwachen helfen. Das zeigen alle Schulvergleichsstudien.
In Finnland (sechs Prozent), Schweden (13 Prozent) und den Niederlanden (elf Prozent) finden sich deutlich weniger Schüler am unteren Ende der Leistungsverteilung als in Österreich (21 Prozent). Gleichzeitig erreichen 15 Prozent der finnischen, elf Prozent der schwedischen und neun Prozent der niederländischen Schüler mit Level fünf den obersten Leistungsbereich im Lesen (in Österreich acht Prozent)[ii] Die Förderung von Spitzenleistungen muss nicht auf Kosten der Förderung von schwachen Schülern gehen. Vielmehr können Schulsysteme ihre Besten für Spitzenleistungen qualifizieren, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass der Abstand der schwächsten Schüler zu den besten gering ist. Das zeigt, dass Schulsysteme, die Risikogruppen möglichst klein halten, allen Kindern bessere Möglichkeiten bieten. Die Förderung von Kindern, die aus armutsgefährdeten Haushalten kommen, geht somit ganz und gar nicht auf Kosten der Entwicklung von Talenten und Fähigkeiten aller Kinder oder besonders begabter Kinder.
Was es braucht, sind Lernbedingungen, die allen Vorteile bringen: Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist derselbe wie der Weg, auf dem die Starken sich vervollkommnen“, hat die Pädagogin Maria Montessori formuliert, als sie im Armenviertel Roms ihre Casa Bambini“ errichtete.
"Jeder kann gewinnen, wenn er nur will", heißt es. Oder umgekehrt: Selber schuld, wer es nicht schafft. Diese Ideologie ist besonders wirkungsvoll, weil sie "Verlierer" beschämt und "Gewinner" bestätigt. Sie stützt die, die es geschafft haben, und hält die, die "unten" sind, still. An die "Verlierer" ergeht die Aufforderung fair zu bleiben, die Niederlage mit einer Gratulation an den "Gewinner" hinzunehmen, sich schlussendlich mit dem "Gewinner" zu identifizieren. Das Leben ein olympischer Gedanke. "Dabei sein ist alles", - aber bitte im unteren Stockwerk.
Zusammenfassung
Kinder, die in Armutsverhältnissen leben, haben arme Eltern. Sie sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend, psychisch oder physisch beeinträchtigt oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Jede Strategie gegen Kinderarmut muss deshalb auch eine Strategie für ein existenzsicherndes Einkommen der Eltern sein. Kinder, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, sind geschwächt. Jede Strategie gegen Kinderarmut muss deshalb auch Kinder stärken und in ihre Ressourcen investieren. Kinder, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, haben ein hohes Risiko als Erwachsener wieder arm zu werden. Jede Strategie gegen Kinderarmut muss deshalb diesen Kreislauf durchbrechen; z. B. Bildungs- wie Lernbedingungen zur Verfügung stellen, die integrieren, nicht selektieren. Damit es für sozial benachteiligte Kinder Zukunft gibt – trotz Herkunft.
(Thema des Monats Jänner 2012)
Kinderarmut mitten im Wohlstand
Armut ist relativ
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Literaturtipps