Strategien einer zukunftsorientierten Kinder- und Jugendgesundheitsversorgung in Österreich
Prim. Dr. Klaus Vavrik, für die Österreichische Liga für Kinder- u. Jugendgesundheit
Eine Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, ist auf die Gesundheit ihrer Kinder dringend angewiesen. Bestmögliche Förderung der Gesundheit von Anfang an gehört zu den Grundrechten aller Kinder.“ Aus: Ein guter Start ins Leben“, Berlin im Mai 2006.
Kindergesundheitspolitik ist Zukunftspolitik
In der auch von Österreich ratifizierten Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wurde das Recht von Kindern und Jugendlichen auf ein Höchstmaß an möglicher Gesundheit formal festgeschrieben (Art. 24, Abs. 1 KRK). Dieses Recht wurde durch die WHO im August 2007 neuerlich als the right to health“ bestätigt und formuliert (Joint fact sheet/OHCHR/232), wobei Gesundheit i.S. einer gesunden und erfüllten Lebensgestaltung mehr als lediglich die Abwesenheit von Krankheit bedeutet.
Diese Formulierungen sind Ausdruck für die Bedeutung, welche die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen für unser aller Zukunft hat. Unabhängig davon sind sie grundsätzlich in besonderer Weise schutzbedürftig und die Verantwortung ihnen gegenüber ist besonders groß.
Die Gesundheitsrisiken und Gefährdungen haben sich geändert
Im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit sind an Stelle der klassischen Infektions- und Mangelerkrankungen der Vergangenheit neue Risiken und Gefährdungen für die Gesundheit und die Entwicklungschancen getreten. International ist eine stete Zunahme von Lebensstilerkrankungen, zu Chronifizierung neigenden Entwicklungsbeeinträchtigungen sowie psychosozialen Integrations- und Regulationsstörungen zu beobachten.
Benachteiligungen sind deutlich
Gemeinsam ist diesen Gefährdungen, dass sie häufig durch ein ungünstiges Zusammenspiel von konstitutionellen Faktoren des Kindes bzw. der Familie, gesundheitlichem Fehlverhalten, mangelnder Information und unzureichende Ressourcen der Eltern sowie belastenden Lebensverhältnissen verursacht und aufrecht erhalten werden. Nach wie vor besteht eine deutliche gesundheitliche Benachteiligung für Kinder, welche in Armut aufwachsen, ein bildungsfernes soziales Umfeld haben, in entlegenen ländlichen Gebieten oder städtischen Ballungszentren leben, sowie für Kinder aus Migrantenfamilien.
Eine moderne Versorgungsstruktur sollte auf gesellschaftliche Veränderungen aber mit angemessen Konzepten so rasch wie möglich reagieren. Welche Schritte wären hierzu nötig?
Wir brauchen Gesundheitsdaten unserer Kinder und Jugendlichen
Um gesundheitspolitische Entscheidungen und Planungen zielorientiert vornehmen zu können, wäre es dringend notwendig, Kindergesundheitsdaten standardisiert zu erheben. Nur so lassen sich Gesundheitsrisiken und deren Auswirkungen ausreichend identifizieren und Gesundheitsziele formulieren. Diese würden einerseits als Basis zur Bedarfsplanung im Gesundheitsbereich dienen, zusätzlich v.a. aber auch als Indikator für die Wirksamkeit von gesetzten Maßnahmen.
Die umfassende Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS-Studie) des Robert Koch Instituts mit ihren bewährten Untersuchungsinstrumenten könnte hierbei grundsätzlich als Vorbild dienen.
Vernetzung und Koordination sind wichtig
Obwohl es viele Versorgungsangebote gibt und Österreich im Bereich der allgemeinen (akut)pädiatrischen Versorgung ein hohes Niveau vorhält, besteht dennoch erheblicher Verbesserungsbedarf z.B. im Aufbau der strukturierten Vernetzung und Kooperation der vorhandenen Angebote. Dies könnte Potentiale für Synergie erschließen und eine Optimierung im Zusammenwirken vorhandener Teillösungen von eindimensionalen Behandlungsangeboten einzelner Berufsgruppen hin zu einer multidisziplinären Teamarbeit bewirken. Vernetzung darf nicht dem Zufall oder lediglich dem privaten Engagement von Einzelpersonen überlassen werden, sondern muss aus einer übergeordneten Perspektive mit Plan und Strategie eingerichtet werden. Es besteht internationale Übereinstimmung, dass gut funktionierende Netzwerkstrukturen ohne Zweifel die Versorgungskonzepte der Zukunft sind.
Patientennahe regionale Kinder- und Jugend-Gesundheitsnetzwerke
Für Patient/innen und deren Familien ist aber v.a. die mögliche Inanspruchnahme, d.h. die leichte Zugänglichkeit und nahe Verfügbarkeit wesentlich. Aus dieser Bedarfsorientierung und aus dem Wissen um die veränderten Krankheitsbilder heraus braucht es die Schaffung von patientennahen, regionalen und multiprofessionellen Netzwerkstrukturen.
Das Netzwerk ist mehr als die Summe seiner Teile!
Frühe Förderung“, Prävention und Elternarbeit
Beinahe alle neuzeitlichen“ Krankheitsbilder haben die Wurzel ihrer Entstehung in einem sehr frühen Lebensalter. Es folgt daraus die Notwendigkeit einer Schwerpunktsetzung auf sehr frühzeitige Interventionen im Sinne von niederschwelliger aber hochwertiger Diagnostik und spezifischer Therapie und Förderung. Alle Maßnahmen sollten durch Qualitätssicherung und Begleitforschung auf ihre Effizienz und ihren Erfolg hin evaluiert werden. Last but not least müssten neue Formen der Prävention entwickelt und vermehrt die Zusammenarbeit mit der Gesundheitsförderung gesucht werden.
Hand in Hand hiermit sollte eine frühe Möglichkeit zur Elternarbeit und Elternhilfe gehen (Elternschaft stärken“). Präventive und therapeutische Bemühungen, welche alleine beim Kind ansetzen, sind häufig ineffizient und wenig erfolgreich. Eltern haben eine Schlüsselfunktion für die Gesundheitsentwicklung ihrer Kinder. Zahlreiche Beispiele hierzu sind im deutschsprachigen Umfeld (z.B. SAFE-Projekte) zu finden.
Kinder- und Jugendgesundheit muss politisch priorisiert werden
Laut einer EU–Studie von Health Consumer Powerhouse 2007 liegt Österreich im Vergleich der europäischen Gesundheitssysteme erfreulicherweise an erster Stelle. Gleichzeitig wurde aber aus UNICEF- und OECD–Studien bekannt, dass dies im Wesentlichen nur für die Erwachsenenbevölkerung gilt. Wenn man hingegen die Gesundheitsdaten für Kinder und Jugendlicher betrachtet, nimmt Österreich von 21 europäischen Ländern den vorletzten bzw. letzten Platz ein.
Dieses Ungleichgewicht sollte so rasch wie möglich überdacht und ausgeglichen werden. Maßnahmen wie z.B. ausreichend kostenfreie Therapieangebote für das Kindes- und Jugendalter sind gleichsam ein politischer Auftrag für eine gesamtgesellschaftliche Gesundheitsvorsorge“.
Ressortübergreifende Kinder- und Jugendgesundheitspolitik
Da Kindergesundheit eine Querschnittmaterie und in die Gesamtheit der Lebensumstände eingebettet ist, bedarf es für eine politisch sinnvolle Bearbeitung einer Bündelung von Ressourcen, Verantwortung und Wissen aus dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen. Kinder- und Jugendgesundheitspolitik ist im positivsten Sinn Generationenpolitik und daher eine zentrale Public Health Aufgabe mit nachhaltiger Verantwortung.
(Thema des Monats April 2010)
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