Bestmögliche Gesundheit - ein Kinderrecht
Prim. Dr. Klaus Vavrik, für die Österreichische Liga für Kinder- u. Jugendgesundheit
Die Risikofaktoren für Gesundheit und Entwicklung sowie die Krankheitsbilder von Kindern und Jugendlichen in Industriestaaten haben sich in den letzten Jahrzehnten fundamental verändert. Waren es früher die klassischen Infektions- und Mangelerkrankungen, welche Gesundheit und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen bedroht haben, so sind es heute vor allem Lebensstilerkrankungen, chronische Entwicklungsstörungen sowie psychosoziale Integrations- und Regulationsstörungen. Nach wie vor besteht auch eine deutliche gesundheitliche Benachteiligung auf Grund regionaler und sozialer Faktoren. Betroffen hiervon sind besonders Kinder, die in Armut aufwachsen, ein bildungsfernes soziales Umfeld haben, in entlegenen ländlichen Gebieten oder in städtischen Ballungszentren leben sowie Kinder aus Migrantenfamilien.
Vor einem Jahr wurde von der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ der erste Expert/innenbericht Zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit“ vorgestellt. Es wurden Daten aus Studien von OECD und UNICEF präsentiert, welche Österreich bezüglich Gesundheitsstatus und Risikoverhalten im Kindes- u. Jugendalter ein besorgniserregendes Zeugnis ausstellten: 27% der 15-Jährigen rauchen regelmäßig, 30% waren zumindest schon 2x betrunken, mit 25% hält Österreich die höchste Gewalterfahrungsrate unter Jugendlichen, 20% haben Übergewicht oder Essstörungen, 17,5% leiden an einer vom Arzt diagnostizierten chronischen Erkrankung oder Behinderung und 30% der 15-jährigen Mädchen klagen über allgemein schlechtes Befinden.
Diese gesundheitlich belasteten Kinder und Jugendlichen von heute sind die chronisch kranken Erwachsenen von morgen. Es macht daher aus individualpräventiver, aber auch aus volksgesundheitlicher und volkswirtschaftlicher Sicht großen Sinn, so rasch wie möglich in die Gesundheitsförderung und Prävention wie auch in eine gute Versorgungslandschaft für junge Menschen zu investieren. Ein modernes Gesundheitswesen muss auf veränderte Bedingungen so rasch wie möglich reagieren.
So ist es sehr zu begrüßen, dass im Bundesministerium für Gesundheit der Kindergesundheitsdialog gestartet wurde, dass sowohl der Hauptverband der Sozialversicherungsträger wie auch der Fonds Gesundes Österreich erklärt haben, Kinder- und Jugendgesundheit zu einem Schwerpunktthema 2011 machen zu wollen. Aber das Ziel einer gesunden und lebenstüchtigen Entwicklung unserer Kinder kann nicht nur in der Verantwortung des Gesundheitsressorts liegen. Da sind ganz zentral auch andere Bereiche wie Familie, Bildung, Soziales, bis hin zu Umwelt und Wirtschaft gefragt. Auch Länder und Gemeinden können besonders wertvolle Beiträge leisten, weil Gesundheit vor allem dort entsteht, wo Kinder und Jugendliche in ihren ganz persönlichen Lebensräumen Potentiale entfalten können.
Eltern haben eine Schlüsselrolle für die Entwicklung von Lebensstil und Gesundheit ihrer Kinder.
Es ist bekannt, dass etwa 5% – 10% aller Kinder in Österreich (das sind etwa 20.000 bis 40.000 Kinder alleine unter 4 Jahren) in sehr belasteten Verhältnissen, sogenannten Risikokonstellationen“ leben: Gewalt, Alkohol, Armut, psychische Probleme der Eltern, Überforderung mit dem Kind, und mehr. Auch die Folgen davon sind aus Studien bekannt: zehn mal so hohe Suchtraten mit 19 Jahren, drei mal so viele Störungen des Sozialverhaltens und doppelt so viel Depression! Tragische Einzelschicksale wie jene von Luca“ und von Cain“ erschüttern wiederkehrend die Öffentlichkeit.
In einigen Ländern wurde als Lösungsansatz ein so genanntes soziales Frühwarn- und Hilfesystem“ (early interventions“), etabliert, eine enge Verschränkung zwischen Angeboten der Jugendwohlfahrt und des Gesundheitssystems mit intensiver Elternarbeit von der Schwangerschaft bis ins Kleinkindalter. In Gebieten wo dies gut funktioniert konnten ein Rückgang von Kindesmissbrauch um 55%, eine um 45% niedrigere Kriminalitätsrate, um die Hälfte reduzierte Fremdunterbringungen, 40% weniger Nachhilfebedarf oder Klassenwiederholungen sowie höhere Schulbildung und Berufsqualifizierung erreicht werden! In Österreich wurden erste Schritte durch die SAFE“-Modellprojekte in NÖ oder Netzwerk Familie“ in Vorarlberg gesetzt.
Bestmögliche Versorgung – ein Kinderrecht
Kinder mit körperlichen oder seelischen Entwicklungsstörungen müssen möglichst frühzeitig umfassend behandelt werden, damit ihre Leiden nicht chronisch werden. Dafür bedarf es kostenfreier Therapien für alle Kinder und Jugendliche, die es benötigen. Jeder früh in die Gesundheit investierte Euro bringt dem Staat 6 bis 10 Euro im Laufe der Lebensspanne zurück!
Politische Priorisierung – eine Notwendigkeit
Um Kinder- und Jugendgesundheit gesellschaftlich umfassend und nachhaltig zu berücksichtigen, wäre eine Kinderverträglichkeitsprüfung bei allen Gesetzwerdungen sowie ein Masterplan Kinder- und Jugendgesundheit“ sehr zu empfehlen. Um diesen Inhalten auch ausreichendes Gewicht in der politischen Diskussion zu geben, wäre die Einrichtung einer parlamentarischen Kinderkommission ein mögliches Instrument.
(Thema des Monats: April 2011)
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Gesunde Kindheit - ein Kinderrecht
BMG: Kindergesundheitsdialog
Ein gutes Beispiel einer gesundheitspolitischen Strategie
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Literaturtipps