Begabungs- und Begabtenförderung - eine Chance und Aufgabe für Gesellschaft und Schule
Dr. Edwin Scheiber, Direktor des Wiedner Gymnasiums/Sir-Karl-Popper-Schule, Wiedner Gürtel 68, 1040 Wien
Zum Begriff Begabung
Der Begabungsbegriff wird wissenschaftlich sehr unterschiedlich gesehen und nicht eindeutig definiert. Aus neuropsychologischer Sicht wird Begabung als Potenzial eines Menschen gesehen, bestimmte Leistungen zu erbringen. Dieses Potenzial hängt vom Entwicklungsstand des Gehirns ab, das wiederum durch ständige Wechselwirkung mit der Umgebung des betreffenden Menschen verändert wird. Damit ist Begabung ein lebenslanger Prozess“. [Stadelmann, 2008] Betrachtet man den Begriff bildungstheoretisch und anthropologisch, ist er nicht nur als Prozess sondern auch dialektisch oder dialogisch zu sehen, nämlich einerseits der Gabe“, die im Menschen steckt – eben das Potenzial, und andererseits als die Anregung von außen durch Dialog. [Weigand, 2008] Aus dieser Betrachtung ergibt sich, dass jeder Mensch begabt ist, also partielle, besondere Begabungen hat. Ist von Hochbegabung die Rede, wird die Begriffsbestimmung noch schwammiger. Man hat es in diesem Fall mit einer besonderen Ausprägung bestimmter Begabungsbereiche zu tun. Begabung ist nicht mit Intelligenz gleichzusetzen. Mit Intelligenz wird eine bestimmte Leistungs- und Denkfähigkeit beschrieben. Damit ist Intelligenz als Teil von Begabung verständlich, aber nicht umgekehrt. Gardner hat diese Diskrepanz durch seine Unterscheidung von nunmehr schon zehn verschiedenen Arten von Intelligenzen deutlich aufgezeigt. [vgl. Gardner, 2002]
Recht auf Förderung
Aus Zwillingsstudien weiß man, dass ca. 50 % des oben angesprochenen Potenzials – also der Begabung - genetisch angelegt sind, 25 % auf Einflüsse aus der Familie und der Rest auf außerfamiliäre Einflüsse zurückzuführen sind. [Neubauer, 2005] Die Förderung der Begabungen jedes Menschen ist somit Pflicht für die gesamte Gesellschaft. Nachdem aus den Neurowissenschaften bekannt ist, dass Begabung durch Stimulation des Gehirns, also durch Lernen, entwickelt wird, und der Einfluss auf die sogenannte Plastizität des Gehirns größer ist, je jünger der Mensch ist, kommt der Frühförderung im Elternhaus besondere Bedeutung zu. Die Fortsetzung der Begabungsentwicklung ist in weiterer Folge die Aufgabe jeder Schule, da jedes Kind gleiches Recht auf adäquate, optimale Förderung seiner Anlagen hat. Dieser rechtliche Anspruch ist auch in diversen Konventionen und Gesetzen zu finden, z.B. in der 1959 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Declaration oft the Rights of the Child“ im Prinzip 7, im Artikel 29 in der UN Konvention über die Rechte des Kindes“ (1990), im Ziel Nummer 6 der Education For All Initiative (EFA-Initiative)“ der UNESCO und schließlich im §2 des Schulorganisationsgesetzes von Österreich (SCHUG). [ROSNER et.al., 2008] Wesentlich konkreter regelt der Grundsatzerlass zur Begabtenförderung“ des BMUKK (Rundschreiben 16/2009) Möglichkeiten pädagogischer Maßnahmen von Schulen zur Förderung von Begabungen und Begabten.
Schulische Begabungsförderung
Adäquate Förderung von Begabungen und Begabten in schulischem Kontext hat die Person des Lernenden im Blickpunkt. [vgl. Weigand, 2004] Eine personale Pädagogik“ sieht die lernenden Personen als Individuen und vollwertige Partner, die in ihrer Selbstverantwortlichkeit gestärkt werden. Die damit verbundene Heterogenität von Lerngruppen stellt sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance für Lehrpersonen und Schule dar. Ein begabungsfördernder Unterricht knüpft an den Potenzialen der Schülerinnen und Schülern an. [Müller-Oppliger, 2008] Auch grouping“, also die Bildung von Gruppen von Lernenden mit ähnlichen Voraussetzungen und Begabungsprofilen wie dies z.B. als Hochbegabtenschulversuch Sir-Karl-Popper-Schule am Wiedner Gymnasium realisiert ist, mindert nicht die Herausforderung der Heterogenität. Ganz im Gegenteil, kaum eine Schulklasse ist heterogener als eine Gruppe (hoch)begabter Jugendlicher.
Strukturell kann schulische Begabungsförderung durch Maßnahmen erfolgen, die die Mitbestimmung der Lernenden über Lerninhalte, Lernverfahren, Lernmittel und Beurteilungskriterien (z.B. Contracting“ in der Sir-Karl-Popper-Schule) oder die Wahl von Zeit und Ort zur Leistungserbringung (z.B. Assignments“ nach der DALTON-Pädagogik [vgl. Scheiber, 2008]) ermöglichen. Gleichzeitig braucht es Angebote von Enrichment im Sinne von BEreicherung, also mit hohem Qualitätsanspruch an Lerninhalte und Lernformen, an Stelle von ANreicherung, also der Betonung von Quantität von Unterricht oder Inhalten. Ein zusätzlicher IT-Kurs oder eine andere zusätzliche unverbindliche Übung im Fächerkanon einer Schule ist daher keineswegs ein Enrichment. Enrichment ist eine Frage von Lernqualität und nicht ein strukturelles Angebot. Um dieser Sichtweise gerecht zu werden, muss ein Paradigmenwechsel eingeleitet werden: Lernen statt Lehren wird ins Zentrum pädagogischen Handelns gestellt. Begabungsförderung wird in diesem Sinne als Persönlichkeitsbildung gesehen. Erst die Partizipation der Schülerinnen und Schüler am pädagogischen Geschehen in einer Schule und die Hilfestellungen beim Prozess der Persönlichkeitsentwicklung werden den Anforderungen einer personalen Pädagogik gerecht. Institutionalisiertes Feedback, Coaching und ein Pflichtgegenstand Kommunikation und Sozialkompetenz“ sind Beispiele für erfolgreiche Maßnahmen, die in der Sir-Karl-Popper-Schule erprobt worden sind.
Pädagogische Haltung von Lehrpersonen
Die geforderten Maßnahmen stellen sehr spezifische Anforderungen an Lehrpersonen. Neben speziellen Kompetenzen (Methodik, Beobachtung, Beratung, Begleitung, Diagnostik) müssen innovative Konzepte entwickelt, erprobt und evaluiert werden. Um dies zu bewerkstelligen ist jedoch eine grundlegende Haltungsänderung zu vollziehen. Ein Rollenwechsel zu einem Lernbegleiter, der die Einmaligkeit der ihm anvertrauten Lernenden respektiert und ihm individuell hilft, eigene Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. [Schmid, 2008] Dazu gehört auch eine Lernkultur, in der Fehler als Lernchance gesehen werden und Reflexion der Arbeit selbstverständlich ist. Die Chance jeder Schule besteht darin, eine Schulkultur zu schaffen, in der durch Möglichkeiten der Teambildung, durch kollegiale Hospitationen, permanente Fortbildung und weitestmögliche Transparenz Qualität gesichert wird und damit auch eine Förderkultur für alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden kann. Die Karl-Popper-Akademie (Weiterbildung Evocation Österreich, www.ewib.at) bietet dazu ein umfangreiches Fortbildungsprogramm an, das die pädagogische Haltung der Lehrpersonen ins Zentrum der Weiterentwicklung stellt.
Begabungsförderung als Chance für Schulentwicklung
Das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen der Jugendlichen sind die Ressourcen der Zukunft für Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft. Förderung und Entwicklung der Begabungen der einzelnen Personen beginnend in der Familie – Früherziehung – und ihre adäquate Fortsetzung in der Schule sichert, dass diese Ressourcen genützt werden. Ziel schulischer Bildung ist eigenverantwortliches Lernen, lebensgestaltetes Lernen“. Dies bedeutet Entwicklung von sozialer Kompetenz, reflektiver Kompetenz und ethischer Kompetenz bei den Lernenden. [Schmid, 2008] Damit ist Begabungsförderung einerseits untrennbar mit Schulentwicklung verknüpft und andererseits nicht auf Hochbegabte beschränkt. Diese Chance darf sich keine Schule entgehen lassen, ja dies ist sogar ein essentieller Teil ihres Bildungsauftrags.
Bildung ist ein Kinderrecht
Die Bildungsreform für Österreich. Das Gesamtkonzept in der Umsetzung (Juni 2010)
Links
Literaturtipps
(Thema des Monats Sept. 2009)