Spurensuche von Adoptivkindern
Dr. phil. Reinhard Neumayer, klinischer und Gesundheitspsychologe, Leiter des Bereichs Psychologie beim Amt der NÖ Landesregierung, sowie Psychotherapeut (Individualpsychologie) in freier Praxis.
In der Jugendwohlfahrt lag im Bereich Adoption lange Zeit das Hauptaugenmerk auf der fachlich richtigen Auswahl von Pflegeeltern und hier dann besonders auf solchen, die Adoptiveltern werden wollten. Der selbstverständlich auch heute noch gültige Satz: Wir suchen für ein bestimmtes Kind die richtigen Ersatzeltern“ beschreibt dabei die kindzentrierte Zielsetzung am Beginn des Adoptionsverfahrens. Allen informierten Beteiligten ist klar, dass damit aber auch schon auf einen Interessensgegensatz hingewiesen wird, der weniger vielleicht bei Pflegeeltern, wohl aber bei Adoptivwerbern dadurch gekennzeichnet ist, dass diese naturgemäß ein Kind suchen, durch das ihr Kinderwunsch erfüllt werden soll. Dies kann man durchaus als (adoptiv-)elternzentrierten Ansatz bezeichnen.
Wenn nun noch genauer hingeschaut wird, fällt auf, dass es sich hier selbstverständlich nicht um einen auf die leiblichen (oder auch abgebenden“) Eltern zentrierten Ansatz handelt. Deren Bedeutung verschwindet zumindest auf dem Papier nach der erfolgten Adoption so gut wie völlig. Verschärft vielleicht noch durch Vorgangsweisen, wie anonyme Adoption mit möglichst vollständiger Kontaktvermeidung in der Übergabe/-nahmephase verlassen die Herkunftsfamilienteile (weniger bürokratisch ausgedrückt: leibliche Eltern) die Szene und hinterlassen auch kaum Spuren.
Wie bei allen Heranwachsenden ergibt sich aber auch bei Pflege- und noch viel stärker bei Adoptivkindern die Frage nach der persönlichen Identität und damit auch nach der Herkunft, Abstammung, Vererbung von Dispositionen, Charaktereigenschaften, Neigungen, Schwächen – kurz sie wollen wissen: Was an mir ist von mir selbst (beeinflussbar) und wo habe ich eine Mitgift (zu tragen) bekommen, der ich (mehr oder weniger machtlos, hilflos) ausgeliefert bin. Diese Entwicklung ist durchaus nicht pathologisch sondern für die Identitätsbildung notwendig.
Bei Kindern, die mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen, schließt sich an das Auftauchen solcher Fragen üblicherweise ein längerer Nähe-Distanz-Konflikt an, der im günstigen Fall zu einer gelingenden Ablösung bei gleichzeitiger Ausbildung einer individuellen Identität und Akzeptanz der eigenen Geschichte führt.
Bei Pflegekindern hängt die Möglichkeit diesen Lebensabschnitt konstruktiv zu bewältigen sehr davon ab, ob es Kontakt zu den leiblichen Eltern überhaupt gibt und wie die Beziehung(en) im Dreieck zwischen Pflegeeltern, Pflegekind und leiblichen Eltern gestaltet wird/werden.
Bei Adoptivkindern kommt verschärfend hinzu, dass die Begegnung mit der Herkunftsfamilie nicht durch Rechtsansprüche grundgelegt und daher auch nicht eingefordert werden kann (vgl. Besuchsrechte). Sehr viel stärker bestimmt deswegen das Phantasiebild von der Herkunftsfamilie den Verlauf des Ablösungsprozesses als deren Realität. Auch ist das Ziel der Ablösung in größerem Maß unbestimmt: Es geht nicht nur voraus in Richtung auf selbstbestimmtes Erwachsensein, sondern in vielen Fällen eher – (Was wäre gewesen, wenn...?) – zurück zu Gedanken nach einer Revision des eigenen Schicksals.
Darüber hinaus müssen sich Adoptivkinder, wie alle anderen Kinder auch, von der real erlebten Familie (in ihrem Fall eben von der Adoptivfamilie) ablösen. Das ist für die Adoptivkinder somit aber eine zweite Aufgabe zur soeben erwähnten Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie.
Adoptiveltern wiederum ist oft nicht bewusst, dass diese Ablösung von der real erlebten Familie eine normale“ Entwicklungsaufgabe darstellt, die nicht mit jedem Konflikt gleich die Bedeutung der Adoption an sich in Frage stellt.
Die behördliche Praxis, der zufolge in früheren Jahren und Jahrzehnten die anonyme Adoption weit überwogen hat, führt dazu, dass die Adoptivkinder es nicht leicht haben, die reale Auseinandersetzung mit den leiblichen Eltern zu er- bzw. durchleben. Immer wieder werden wir jedoch mit Fällen konfrontiert, in denen es nicht Jugendliche sind, die die aktuelle Lebensphase der juvenilen Identitätssuche durchleben, sondern dass Erwachsene sich auf die Spurensuche nach ihrer Herkunft machen:
Erwachsene, die durch irgendwelche aktuellen Erlebnisse oder Erfahrungen beeindruckt nun doch Bemühungen setzen, das subjektiv empfundene Rätsel über Beteiligte und Ursachen sowie Motivation zur Adoption zu lösen.
Hier stößt nun eine solche Spurensuche auf faktische Probleme der Datenlage und auf menschliche Probleme auf Seiten der Beteiligten:
Wie findet man heraus, was damals war?
Wie stehen die leiblichen Eltern – meist nur die Mutter – zu einer Begegnung, vielleicht der ersten überhaupt nach Jahrzehnten?
Wie verkraften die Adoptiveltern die neue Entwicklung?
Was bedeutet das dann aktuelle Wissen für die persönliche Bewertung der bisherigen Lebensgeschichte des Adoptiv“kindes“? U.v.a.m.)
Es ist jedenfalls Aufgabe der Vermittlungsstelle (in Österreich: der öffentlichen Jugendwohlfahrt) die Datensicherung und deren Zugänglichkeit auf die neueren Erkenntnisse über und Ansprüche auf Seiten der adoptierten Menschen umzustellen.
Dazu gehören auch Überlegungen über Art und Möglichkeit von Hilfestellungen bei der Suche und diesen Erstkontakten.
Die besondere Problematik der Spurensuche in Fällen von aus dem (entfernten) Ausland stammenden Kindern, die hier bei uns in einer Adoptivfamilie leben, bedarf einer eigenen Erörterung.
(Thema des Monats Mai 2008)
Links
Literaturtipps