Was ist psychische Gewalt?
Primarius Dr. Werner Leixnering, Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg
Psychische Gewalt ist ein sehr vielschichtiges, sehr komplexes Thema, wo eine Schwarz-weiß-Sicht der Dinge keinesfalls angebracht ist.
Psychische Gewalt ist ein unangenehmes“ Thema, da dieses Phänomen schwer fassbar ist, sich nicht genau definieren lassen will“, sich wissenschaftlicher Analyse entzieht und uns zur Auseinandersetzung mit vielen Themen zwingt, auf die wir gar nicht so gerne hinschauen.
Doch: Psychische Gewalt ist ein Thema, dem wir uns zu stellen haben.
Denn: Psychische Gewalt kommt sehr häufig vor. Wahrscheinlich in einem wesentlich größerem Ausmaß, als wir alle das vermuten.
Und: Psychische Gewalt tritt nicht nur alleine auf, sie tritt zumeist auch als stille Schwester“ aller anderen Gewaltformen auf.
Auf der schwierigen Suche nach Markern“
Psychische Gewalt ist leise. Sie ist nicht laut. Sie ist nicht spektakulär. Sie erzeugt auch nicht gleich lautes Schreien, aber sie ist langhaltig, sie ist ausdauernd, und sie ist nachwirkend.
Und genau hier liegt auch das Problem, psychische Gewalt wissenschaftlich methodisch erfassen zu können. Wo ist die Grenze? Ab wann kann/muss man von psychischer Gewalt sprechen? Wo sind die Marker“ für psychische Gewalt?
Es ist tatsächlich so, dass die Grenzen zwischen Erziehungspraktiken, die sich des Prinzips der Strafe bedienen, und psychischer Gewalt oftmals fließend sind.
Gerade weil die Grenzen oft so schwimmend sind, gerade weil psychische Gewalt oft so leise von statten geht, haben wir ein großes Problem, sie frühzeitig zu erfassen, sie präventiv zu erfassen.
Trotz dieser Schwierigkeiten müssen wir uns dem Problem stellen!
Die Crux der Definition
Wie kann man also tatsächliche psychische Gewalt bewerten, beurteilen?
Nun, man muss einmal die beiden involvierten Pole betrachten: den Menschen, an dem psychische Gewalt ausgeübt wird, und denjenigen, der sie ausübt. Also gleichsam Opfer und Täter. Genauso wie bei körperlicher und sexueller Gewalt.
Es geht also immer um zwei oder mehrere Personen, die miteinander interagieren.
Worum geht es bei der Ausübung psychischer Gewalt denn de facto? Es geht – um das vielleicht phänomenologisch ein bisschen zu beschreiben – um die Bedrohung von Kindern im Umgang mit ihnen. Es geht vor allem um die mutwillige Erzeugung von Angst – die Betonung liegt auf mutwillig. Es geht um Einschüchterung. Es geht um Zynismus in der Erziehung. Es geht um Ausgrenzung, um Isolation von Kindern. Es geht – um es wienerisch zu formulieren – ums ins Eck stellen“ von Kindern, und das nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinn. Es geht um die Tatsache, dass man Kinder verspottet und der Verspottung preisgibt. Es geht zum Beispiel auch darum, was die moderne Psychologie unter dem Phänomen des Bullying“ beschreibt.
Und da geht es nicht nur um Erwachsene, da geht es auch um ältere Jugendliche, die psychische Gewalt auf annähernd Gleichaltrige ausüben, nach dem Motto Gib’s den Schwachen“. Es geht letztlich um Missachtung, es geht um Entwertung.
Und als Individualpsychologe möchte ich hinzufügen, es geht um die gezielte Entmutigung von Kindern. Das, so glaube ich, können wir beispielsweise unter psychischer Gewalt verstehen.
Anzeichen psychischer Gewalt
Im Gegensatz zu körperlicher Gewalt hinterlässt psychische keine offensichtlichen Spuren. Also woran können wir denn erkennen, dass psychische Gewalt an Kindern ausgeübt wurde oder wird?
An deren Rückzug zum Beispiel, an deren mehr oder weniger verdeckter oder verdrängter Aggressivität. Ich möchte ganz besonders darauf hinweisen, dass gerade Aggressivität auch Ausdruck von eigener Bedrohung ist. Zu oft wird Aggression nur als impulsives Element, das quasi aus dem Nichts kommt, gesehen.
Weitere wichtige Anzeichen erlebter psychischer Gewalt können psychosomatische und kinderpsychiatrische Symptome wie Einkoten, Schlafstörungen und zwanghaftes Verhalten sein.
Ich kann es auch anders ausdrücken: Psychische Gewalt an Kindern äußert sich nicht selten in so genannten introversiven“ Symptomen, also Symptomen, die sich nach innen wenden und die natürlich dann sehr oft auch autoaggressive Komponenten beinhalten.
Man könnte sehr vereinfacht sagen: Was kränkt, macht krank“; und bei psychischer Gewalt geht es vielfach um Kränkung.
Entstehung von psychischer Gewalt
Hier scheint es wichtig, drei Komponenten zu beobachten oder zu beachten:
Der Täter/die Täterin
Betrachten wir zum einen die Persönlichkeit und psychische Verfassung dessen, der die Gewalt ausübt. Es ist zu einfach zu sagen, Täter sind Menschen, die einfach so sind, die nicht anders können. Und wir können ihnen auch nicht helfen, und damit ist die Sache erledigt. Nein. Ich glaube, gerade mit diesen Menschen müssen wir uns befassen. Wir müssen ihnen Angebote machen. Wir müssen sie zu verstehen versuchen, bei aller Emotion, die sich bei uns ihnen gegenüber zeigt.
Bei psychischer Gewalt geht es um die mutwillige Erzeugung von Angst, um Einschüchterung, Zynismus, Ausgrenzung und Verspottung.
Das Opfer
Wir müssen zweitens die Persönlichkeit des Kindes zu erfassen versuchen. Wir müssen versuchen zu verstehen: Was war denn aus der Sicht des Kindes vielleicht die Voraussetzung dafür, dass es zur Anwendung psychischer Gewalt gekommen ist?“ – und das meine ich jetzt absolut nicht wertend!
Das heißt, auch hier ist die differenzierte Befassung mit dem Kind und mit der Situation, in der das Kind lebt, notwendig.
Die Interaktion
Und drittens ist die Interaktion wesentlich. Wir verstehen oft Phänomene der psychischen Gewalt besser, wenn wir das Miteinander und die Rahmenbedingungen, unter denen Erziehende und Kinder miteinander leben oder miteinander auskommen müssen, besser erfassen können. Diese Rahmenbedingungen dürfen niemals außer Acht gelassen werden.
Als wichtiger Hinweis für Interventionsansätze: Meist sind beide in irgendeiner Form in Not – das Kind und die Person, die psychische Gewalt verursacht. Nur können sehr oft die Nöte der beiden nicht mitgeteilt werden, und damit kommt es zur Eskalation und zur Problematisierung. Natürlich ist das schwächere Glied in der Kette das Kind, und unsere Gesellschaft tut gut daran, zunächst einmal zu den Schwächeren hinzusehen und diese eben auch entsprechend zu schützen.
Der Umgang mit psychischer Gewalt
Man muss sich dabei folgende drei Bereiche näher anschauen:
Erziehungsalltag
Erstens den Umgang mit psychischer Gewalt im Erziehungsalltag, denn sie kommt in irgendeiner Form sehr oft vor, mehr oder weniger intendiert – das ist ja das Problem. Psychische Gewalt ist oftmals keinesfalls beabsichtigt, sie etabliert sich oft schleichend in Situationen, und man merkt leider erst nachher, was da geschehen ist, dass es sich um eine Form von psychischer Gewalt gehandelt hat.
Wir alle begegnen tagtäglich Kindern, ob es in der U-Bahn ist, in einer Schulsituation oder zu Hause. Wir begegnen Kindern, und wir begegnen Situationen. Und wichtig ist, dass wir aus Situationen etwas machen. Das hat manchmal auch etwas mit Zivilcourage zu tun, das heißt nämlich, in Situationen Stellung zu beziehen. Ich glaube, dass das immer noch ein ganz entscheidender Punkt ist. Das gilt übrigens für alle Formen der Gewalt.
Also zum Beispiel: Wenn Sie im Bus fahren und Zeuge werden, wie ein Jugendlicher auf ein kleineres Kind hindrischt“, nur weil es ihm im Weg ist: Da gilt es einzugreifen, sich zu äußern – nicht wegzusehen!
Gezielte Prävention
Zweitens die gezielte Prävention. Hier geht es darum, von vornherein schwierige Erziehungssituationen aufzuzeigen. Es stellt eine große Problematik in der Präventionsarbeit dar, dass oft von der heilen Welt“ ausgegangen wird, dass also nicht sein kann, was nicht sein darf“ und dass die Existenz solcher schwierigen Situationen oft von vornherein geleugnet wird. Bei der Präventionsarbeit ist es deshalb sehr wichtig, genau darauf hinzuweisen, dass es in der Erziehung zum Auftreten von Problemen kommen wird und dass man mit diesen zu rechnen hat, aber auch dass es Lösungsmöglichkeiten für solche Probleme gibt!
Therapie
Bei der Therapie müssen wir sicherstellen, dass nicht nur den Kindern, sondern dort, wo erforderlich – und das wird in den meisten Fällen so sein – auch den Erwachsenen zumindest Therapieangebote gemacht werden.
Der Schlüssel zur Verhinderung psychischer Gewalt.
Ich möchte mit ein paar Thesen schließen.
Erstens: Haltung statt Technik
Ich glaube, dass der Schlüssel zur Verhinderung psychischer Gewalt nicht nur in Erziehungstechniken liegt, die wir Erwachsenen vermitteln, sondern in Haltungen, in Einstellungen zu Kindern. Wir sind in unserer Zeit durch die Vorstellung geleitet, dass wir alles mit bestimmten Techniken, Methoden, Trainings oder ähnlichem lösen können.
Doch das ersetzt nicht Haltungen. Und die sind gefragt.
Gefährlich wird psychische Gewalt im Übrigen besonders dann, wenn sie aus einer völlig falsch verstandenen vorbeugenden Haltung“ (Damit du nicht auf dumme Ideen kommst ...“) heraus eingesetzt wird.
Zweitens: Not produziert Gewalt
Einfühlsames Verstehen psychischer Gewaltphänomene orientiert sich an Nöten von Kindern und Erwachsenen und nicht an einer verkürzten Täter-Opfer-Ideologie.
Drittens: Was kränkt, macht krankt“
Psychische Gewalt kann, psychiatrisch betrachtet, nicht nur zur Erlebnisreaktionen, also zu einfachen Reaktionen, sondern auch zu schweren neurotischen und psychosomatischen Störungen bis hin zur chronischen Deformation kindlicher Persönlichkeiten führen, also zu schweren psychischen Störungen. Das soll hier nicht unerwähnt bleiben.
Viertens: Reflexionsmöglichkeit für Täter
Erwachsene, die psychische Gewalt an Kindern anwenden, sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Verhaltensweisen zu reflektieren. Prävention ist nur möglich, wenn so etwas wie ein Nachvollziehen oder ein Einsehen zumindest angestrebt wird. Auch wenn dies nicht immer erreichbar sein wird.
(Thema des Monats März 2009)
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