Kindersextourismus & Kinderhandel
Mag.a Astrid Winkler, Geschäftsführerin von ECPAT Österreich
Die Spirale der Ausbeutung von Kindern am Beispiel der Geschichte der siebenjährigen Sophia
Familie Paulino (alle Namen geändert) lebt in einem Touristenort einer Karibikinsel, ca. eine Stunde von der Hauptstadt entfernt. Die Familie hat es dank des Tourismus zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Luis ist Mitte 50 und Maurer. Seine Frau, Maria, betreibt ein kleines Gemischtwarengeschäft direkt an der Durchzugsstraße. Essen wird hier ebenso verkauft wie gebrauchte Kleidung, die die in Österreich lebende Tochter, Jessica, mitbringt. Während Luis und Maria das Erdgeschoß bewohnen, hat sich Jessica den ersten Stock durchaus komfortabel eingerichtet. An den Wänden im Wohnbereich der Eltern finden sich überall Fotos mit Jessica in teuren schicken Kleidern. Die Familie ist sichtlich stolz auf ihre Tochter. Jessica ist 30 Jahre alt und lebt seit rund zehn Jahren in Österreich. Was sie genau macht, also woher das Geld stammt, weiß in der Familie niemand so genau. Aber das ist auch nicht so wichtig. Tatsache ist, dass Jessica keiner geregelten Arbeit nachgeht und auch nicht als Sexarbeiterin registriert ist.
Kinderheirat als Aufstiegschance für die Familie
Jessica war zehn Jahre alt, als der Österreicher Franz – damals in seinen 50igern – die Familie 1990 kennen lernte. Jessica wurde ihm versprochen“. Als sie das 14. Lebensjahr vollendet hatte, heiratete der um 40 Jahre ältere Franz die dann 14-jährige Jessica auf der Insel – dort ein legaler Vorgang, da die Eltern einverstanden waren. Nachdem Jessica volljährig geworden war, nahm sie der Ehemann nach Österreich mit. Ein Kind wurde geboren, die Ehe inzwischen geschieden. Der Sohn lebt derzeit beim Vater.
Die nächste Generation wird vorbereitet…
Jessica besucht ein bis zwei Mal pro Jahr ihre Familie auf der Karibikinsel. Sie bringt Kleidung und andere Utensilien für das Geschäft der Mutter mit. Im Frühjahr 2009 nimmt sie ihre siebenjährige Nichte Sophia, die von Geburt an bei den Großeltern lebt, nach Österreich mit. Das Kind hätte in Österreich eine viel bessere Zukunft, könne eine gute Schule besuchen, sagt die Tante. Die Eltern bzw. Großeltern sind einverstanden. Das Kind reist mit einem österreichischen Pass, der sie als Kind des Ex-Mannes von Jessica ausweist, nach Wien. Später wird Jessica gegenüber den Behörden darauf beharren, dass Sophia das Kind von ihr und ihrem österreichischen Ex-Mann sei.
Recherchen der österreichischen Behörden (Polizei, Jugendamt etc.) ergeben, dass das Kind im Haushalt der Tante für diverse Arbeiten ausgebeutet wird, u. a. erfährt sie psychische und physische Gewalt. Sophie muss oft einen ganzen Tag und die Nacht lang auf ihre Halbschwester, ein Baby von wenigen Monaten, aufpassen und das Kleinkind versorgen. Das zuständige Jugendamt sieht das Kindeswohl gefährdet, das Kind wird der Tante abgenommen. Polizeiliche Ermittlungen werden eingeleitet. Ausbeutung und Kinderhandel stehen im Raum.
Die Ermittlungen im Hinblick auf Menschenhandel verlaufen sprichwörtlich im Sande“, weil, wie es salopp oft heißt, "die Suppe zu dünn war ", die Beweislage zu schwierig. Der zuständige Staatsanwalt sieht lediglich das Delikt der Dokumentenfälschung gegeben, denn es konnte nachgewiesen werden, dass Jessica fälschlich Sophia bei der zuständigen Behörde in ihrem Heimatland als ihre Tochter und die ihres österreichischen Ex-Mannes hat registrieren lassen.
Die Rückkehr von Sophia
Das nach Österreich verschleppte Kind wird auf Beschluss des österreichischen Familiengerichts nach fast zwei Jahren Aufenthalt in Österreich zu den Großeltern zurück gebracht. Um das Wohl von Sophia sicherzustellen, begleitet die Partnerorganisation des internationalen ECPAT-Netzwerks nun die Familie von Sophia im Heimatland.
Tatsache ist, Sophie kehrt zurück in eine Familie, für die die (materielle) Erfolgsgeschichte“ ihrer eigenen Tochter nach wie vor Beweis genug dafür ist, dass sie nichts Unrechtes getan hat. Schließlich haben doch alle davon profitiert, dass Jessica damals als zehnjährige einem Österreicher versprochen wurde. Ein Unrechtsbewusstsein gegenüber Ausbeutung und Kinderhandel ist in der Familie keinesfalls vorhanden.
Genau so wenig war ein Unrechtsbewusstsein des Österreichers vorhanden, der als Tourist die damals zehnjährige Jessica, die Tante von Sophia, versprochen bekommen hatte. Viel zu oft wird "Kindersextourismus" nach wie vor als Kavaliersdelikt angesehen oder einfach nicht als Unrecht wahrgenommen, weil von der Annahme ausgegangen wird, dass der kulturelle Unterschied etwas möglich macht, was hierzulande moralisch verpönt und zudem strafrechtlich verboten ist.
Um das Unrechtsbewusstsein zu erhöhen und Strategien gegen die (sexuelle) Ausbeutung von Kindern zu entwickeln, müssen die zuständigen Berufsgruppen für die Komplexität dieser Form von Kriminalität geschult und die Bevölkerung sensibilisiert werden.
Kampagne gegen Kindersextourismus
Daher ist die Kampagne gegen Kindersextourismus, eine gemeinsame Initiative von Österreich (BMWFJ), Deutschland und der Schweiz, sehr zu begrüßen. Mit dem in Flugzeugen, Infoscreens, etc. gezeigten Videospot "Witness" will die Kampagne zum Schutz von Kindern aktivieren.
Das Anliegen der Kampagne ist, dass möglichst viele Menschen nicht wegsehen, sondern verdächtige Beobachtungen melden: unangemessene Berührungen eines einheimischen Kindes durch einen Reisenden; ein Hotelgast, der immer wieder unterschiedliche Kinder auf sein Zimmer mitnimmt.
meldestelle@interpol.at
"Zeuge sein" und Missbrauch verhindern geht leicht, wenn Sie Ihre Beobachtungen an die nationale Meldestelle für Fälle von sexueller Gewalt an Kindern, sei es im Inland oder Ausland: meldestelle@interpol.at weitergeben. Für das Bundeskriminalamt ist jeder Hinweis wichtig, denn oft ergeben viele kleine Puzzle-Teile an Informationen ein Gesamtbild, das die Polizeiexpert/innen entschlüsseln können.
Der 45"-Spot ist auf http://www.facebook.com/Bundeskriminalamt abrufbar.
(Thema des Monats Oktober 2011)
Kinderhandel
Erkennen und handeln - Indikatoren für Kinderhandel
"Freche Spatzen" von Dimitré Dinev ist eine berührende Erzählung über Kinder, die als Opfer von Kinderhandel in den Straßen von Wien arbeiten.
Links
Literaturtipps