Die vielen Fassetten der Kinderarbeit
Maga Martha Miklin, Kinderrechtsexpertin bei Unicef-Österreich
Mit dem Begriff Kinderarbeit“ verbindet man meistens ganz bestimmte Bilder und Vorstellungen. Zum Beispiel: Magere Mädchen in Indien, die auf Baumwollfeldern bei Temperaturen von 40 Grad vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein schuften und oft noch mit leerem Magen ins Bett gehen müssen. Oder schmächtige und blasse Buben im Volksschulalter, die den ganzen Tag in Bergwerken mit Stirnlampe kriechend und in verdreckter Kleidung Steinkohle abbauen müssen. Mädchen in Pakistan, die einen Fußball nach dem anderen nähen müssen, ohne Pause, mit einem Monatslohn von dem man sich in Österreich gerade einmal einen solchen Fußball kaufen kann – oder nicht einmal das. Und diese Bilder sind nicht nur mediale Konstrukte oder Abbildungen von Klischees – sie entsprechen der Realität:
Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten weltweit 158 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren, der Großteil von ihnen unter Umständen, die schädlich für ihre geistige und körperliche Entwicklung sind. 5,7 Millionen Kinder müssen Zwangsarbeit verrichten oder arbeiten in der Schuldknechtschaft – eine Form der Sklaverei, bei der Kinder die Schulden ihrer Eltern abarbeiten müssen. Und die Mehrzahl der betroffenen Kinder arbeitet nicht in Vertragsverhältnissen, sondern im Familienbetrieb, in der Landwirtschaft oder im informellen Sektor.
Aber um auf die Bilder und Vorstellungen von Kinderarbeit zurückzukommen: Kinderarbeit ist noch viel mehr, hat noch unzählige andere Ausprägungen die vielleicht nicht den Weg in unser Bewusstsein finden. Besonders schlimme Formen der Kinderarbeit finden im Verborgenen statt: Kinder, die dazu gezwungen werden, ihren Körper zu verkaufen - an Männer, die ihre Großväter sein könnten. Kinder, die in Kriegen von bewaffneten Gruppierungen als Soldaten rekrutiert werden, mit Drogen und Alkohol gefügig gemacht werden, und dazu gezwungen werden, zu töten. Mädchen, die in Privathaushalten nicht nur putzen und kochen, sondern oft auch die sexuellen Bedürfnisse der Hausherren befriedigen müssen. Solche Qualen und Schikanen als Arbeit“ zu bezeichnen ist fast eine Verschleierung der Realität – vielmehr sind Termini wie Sklaverei, Ausbeutung und Missbrauch angebracht.
Warum gibt es überhaupt Kinderarbeit? Die Gründe liegen auf der Hand: Kinder sind einfacher auszubeuten, denn sie sind fügsamer, körperlich schwächer als Erwachsene und in den meisten Fällen nicht gewerkschaftlich organisiert. Sie wehren sich seltener, können leichter erpresst werden, sind abhängiger. Kinderarbeit ist am häufigsten in Ländern vorzufinden, die von Armut, Landflucht und Verstädterung besonders betroffen sind und wo es zu wenig Bildungsangebote gibt. Im Afrika südlich der Sahara arbeitet zum Beispiel jedes dritte Kind. Die Wirtschaftskrise trifft diejenigen am härtesten, die bisher schon am meisten gelitten haben. Aber auch Industriestaaten sind betroffen, auch Österreich ist betroffen. Man muss nur an die Kinder denken, die auf der Straße sitzen und betteln, und an die Mädchen, die in die Prostitution gezwungen werden. Hier wie dort handelt es sich meistens um marginalisierte Kinder aus sozial benachteiligten Schichten und Kinder, die Minderheiten angehören.
Ein Irrglaube besteht allerdings darin, dass Kinderarbeit eine logische Folge von Armut ist. Der Anteil, den Kinder zum Familieneinkommen beitragen und die Verwendung ihres Verdienstes sind sehr unterschiedlich. Während es in vielen Fällen um das blanke Überleben der Familie geht, wird der Beitrag der Kinder oft auch dazu benutzt, den Lebensstandard zu halten oder Luxusgüter“ der Väter, wie Kofferradios, Fahrräder oder schlicht den Alkoholkonsum, zu finanzieren.
Aber Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Denn es gibt auch Beschäftigungen, die sich durchaus positiv auf die intellektuelle, körperliche und emotionale Entwicklung eines Kindes auswirken können, die nicht gesundheitsschädigend sind oder negativen Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes haben, wie zum Beispiel das Mithelfen im Haushalt. Es handelt sich hier um Tätigkeiten, die Selbstbewusstsein stärken, Verantwortungsbewusstsein fördern und zur Entfaltung der Persönlichkeit beitragen.
Unter welchen Umständen ist Kinderarbeit nun abzulehnen? Kinderarbeit ist schädlich, wenn Kinder dadurch nicht mehr in die Schule gehen können, wenn die Arbeitszeiten zu lang sind, wenn die Arbeit schlecht oder gar nicht bezahlt ist. Auch monotone und unkreative Arbeiten können sich negativ auf Kinder auswirken, sowie Arbeiten, die Kindern zu viel Verantwortung aufbürden und sie körperlich und seelisch zu sehr belasten oder Arbeiten in gefährlichen Settings.
Und was kann man gegen Kinderarbeit tun? Wenn man sich die Faktoren ansieht, die Kinderarbeit fördern oder überhaupt erst aufkommen lassen, wird es klar, dass umfassende Strategien notwendig sind, wenn man das Phänomen erfolgreich bekämpfen will. Leider gibt es – wie so oft – kein Patentrezept.
Ein besonders wichtiger Ansatz liegt in der Schaffung von Bildungsangeboten. Bildung ist die beste Prophylaxe vor ausbeuterischer Kinderarbeit. Kinder lernen in der Schule, dass sie das Recht haben, geschützt zu werden, dass sie das Recht auf Bildung haben, dass sie ein Recht auf freie Meinungsäußerung haben, ein Recht auf Kind-Sein. Sie lernen, dass sie umfassende Rechte haben – so wie sie in der Kinderrechtskonvention festgeschrieben sind, die heuer den 20. Geburtstag feiert. Bildung muss in armen Ländern aber auch eines vermitteln: praktisches Wissen, das die Kinder in den Alltag integrieren können, das ihnen den Alltag erleichtert. Und Kinder mit guter Schulbildung haben auch eher die Chance, später eine besser bezahlte Arbeit zu finden. Bildung ist ein erster Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und Entwicklung. Und ein erster Schritt in Richtung Bildung ist der kostenlose Zugang zu selbiger. Daher setzt sich UNICEF u.a. dafür ein, Schulgebühren abzuschaffen, die leider noch in sehr vielen armen Ländern vorhanden sind. Denn dass ein leerer Bauch nicht gerne studiert, das wissen wir seit Kindertagen. Und wenn er nicht nur vor Hunger schmerzt, sondern auch vor Kummer und Sorgen, ist es höchste Zeit, etwas zu unternehmen.
Auch müssen politische Prozesse eingeleitet werden, die zur Abschaffung der Kinderarbeit führen, wie Gesetzesreformen, Einkommen schaffende Maßnahmen für Familien und eine armutsorientierte Gesundheits- und Bildungspolitik. Und natürlich gehört dazu auch die Ratifizierung und vor allem Umsetzung von Menschenrechtsinstrumenten – allen voran die Kinderrechtskonvention mit ihren beiden Zusatzprotokollen. Denn in einem Umfeld, in dem Kinderrechte ganz oben auf der politischen Agenda stehen, können auch sehr schwer zu bekämpfende Kinderrechtsverletzungen wie Kinderarbeit langfristig abgeschafft werden.
(Thema des Monats Juni 2009)
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