Ganzheitlicher Ansatz gegen Kinderarbeit
Mag. Alexander Schwentner, Advocacy Officer bei UNICEF Österreich
Am Bahnsteig sitzend zählt die 5-jährige Kiara das Geld, das sie durch den Verkauf von Gütern in den Nahverkehrszügen von Buenos Aires erarbeitet hat. Bereits im Alter von drei Jahren hat Kiara angefangen, Haarstecker und sonstige günstige Gegenstände in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln der argentinischen Hauptstadt zu verkaufen. Kiara hat fünf Geschwister, die ebenfalls auf der Straße arbeiten. Das erwirtschaftete Geld wird der Großmutter übergeben. (Bild: Quelle:©UNICEF/NYHQ2011-0218/Sebastian Rich)
Vor einem Jahr hat sich Kiara den Arm gebrochen, weil sie von der Zugtür eingeklemmt wurde. Ein anderes Mal ist sie beim Spielen auf die Zugschienen gefallen.
Die schwierigen Lebensbedingen von Kiara teilen unzählige Kinder auf der ganzen Welt. Kinderarbeit findet in jedem Land der Welt statt. Von Land zu Land unterscheidet sich lediglich das Ausmaß von arbeitenden Kindern. Während die Zahl der Kinder, die den schlimmsten Formen von Kinderarbeit nachgehen, in den Industrieländern relativ gering ist, kommt Kinderarbeit in den Ländern südlich der Sahara am häufigsten vor (siehe Grafik). In dieser Region muss ungefähr jedes dritte Kind arbeiten – das sind rund 69 Mio. Kinder.
Weltweit – so schätzt UNICEF – arbeiten rund 158 Mio. Kinder zwischen fünf und 14 Jahren. Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) vermutet, dass rund 115 Mio. gefährlichen Arbeiten nachgehen müssen.
Das Phänomen Kinderarbeit muss äußerst differenziert betrachtet werden. Nicht jede Form von Arbeit muss per se für Kinder schädlich sein und in vielen Fällen ist es notwendig, dass Kinder zum Haushaltseinkommen beitragen. Eine kindgerechte Arbeit kann sogar für die Entwicklung eines Kindes förderlich sein. Abzulehnen ist jede Arbeit, die gefährlich oder schädlich für die Entwicklung von Kindern ist.
Definition von Kinderarbeit
Es ist daher äußerst wichtig, eine genaue Definition von Kinderarbeit zu haben. UNICEF zieht als Bewertung, ob eine Arbeit für Kinder schädlich ist, die Anzahl der gearbeiteten Stunden – in Altersstufen gegliedert – und die Art der Arbeit heran.
Für die Altersgruppe der fünf bis elfjährigen Kinder gilt jede Arbeit als schädlich, die eine Stunde wirtschaftliche Tätigkeit, oder 28 Stunden Hausarbeit pro Woche übersteigt. Für die Altersgruppe der 12 bis 14-Jährigen gilt der Richtwert von 14 Stunden wirtschaftliche Tätigkeiten, oder 28 Stunden Hausarbeit pro Woche und für die Gruppe der 15 bis 17- Jährigen 43 Stunden wirtschaftliche Tätigkeiten, oder 43 Stunden Hausarbeit pro Woche.
Im Artikel 3 des Übereinkommens Nr. 182 über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ der Internationalen Arbeitsorganisation sind die schlimmsten Tätigkeiten eindeutig festgehalten:
a) alle Formen der Sklaverei oder alle Sklaverei ähnlichen Praktiken, wie den Verkauf von Kindern und den Kinderhandel, Schuldknechtschaft und Leibeigenschaft sowie Zwangs- oder Pflichtarbeit, einschließlich der Zwangs- oder Pflichtrekrutierung von Kindern für den Einsatz in bewaffneten Konflikten;
b) das Heranziehen, Vermitteln oder Anbieten eines Kindes zur Prostitution, zur Herstellung von Pornographie oder zu pornographischen Darbietungen;
c) das Heranziehen, Vermitteln oder Anbieten eines Kindes zu unerlaubten Tätigkeiten, insbesondere zur Gewinnung von und zum Handel mit Drogen, wie diese in den einschlägigen internationalen Übereinkünften definiert sind;
d) Arbeit, die ihrer Natur nach oder aufgrund der Umstände, unter denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit von Kindern schädlich ist.
Kinderarbeit verletzt Kinderrechte
Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes (KRK) verbietet eindeutig Kinderarbeit. Müssen Kinder arbeiten, werden meistens weitere Kinderrechte verletzt, wie zum Beispiel das Recht auf Schulbildung, das Recht auf Spiel und der Teilnahme am Familien- und Gemeindeleben.
Obwohl es zu einigen Fortschritten im Kampf gegen Kinderarbeit gekommen ist, zeigen Statistiken, dass die Verhinderung von gefährlicher Kinderarbeit weiterhin eine bedeutsame Politikherausforderung bleibt. Gefährlicher Kinderarbeit kann nur mit einem ganzheitlichen Ansatz entgegnet werden. Kinderarbeit ist eng verbunden mit Armut in Familien und schlechten Arbeitsmarktbedingungen. Ein breiter Politikansatz, der all diese Aspekte vereint, ist notwendig.
Schulbildung ist die oberste Priorität. Kinderarbeit ist sowohl ein Grund für Armut als auch eine Konsequenz davon, indem Kinderarbeit die Schulbildung untergräbt. Nur durch Bildung kann dieser Kreislauf durchbrochen werden. Funktionierende soziale Sicherheitsnetze sind notwendig um ärmere Familien in Zeiten wirtschaftlicher Instabilität zu unterstützen und Basisdienstleistungen aufrechtzuerhalten. Akkurate Beschäftigungsstrategien sind erforderlich, um Eltern und Jugendlichen im erwerbsfähigen Alter eine anständige Arbeit zu ermöglichen.
Ein Teil des breiten Ansatzes zur Bekämpfung von Kinderarbeit ist auch das von UNICEF, der internationalen Arbeitsorganisation und der Weltbank initiierten Forschungsprogramm Understanding Children’s Work“ (UCW). Die UCW-Programme haben das Ziel, die statistischen Informationen zu Kinderarbeit zu verbessern – in all ihren unterschiedlichen Dimensionen (Ausmaß und Arten von Kinderarbeit; Gründe für und Konsequenzen von Kinderarbeit; effektive politische Maßnahmen). Weitere Informationen dazu können unter http://www.ucw-project.org/ abgerufen werden.
Welttag gegen Kinderarbeit
Am 12. Juni wird der Welttag gegen Kinderarbeit begangen. Das Thema 2011 lautet Children in Hazardous Work“ und bezieht sich auf jene Kinder, die gefährliche oder schädliche Arbeiten durchführen müssen. Dieser Welttag hat das Ziel, einen Blick auf die weltweite Situation zu werfen und die Forderung zur Bekämpfung von Kinderarbeit zu unterstreichen. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2016 zu eliminieren. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die derzeitigen Anstrengungen vervielfacht werden.
Jüngste statistische Daten lassen befürchten, dass die positiven Erfolge im Kampf gegen Kinderhandel in den letzten Jahren durch die weltweite Wirtschaftskrise gefährdet sind.
Die Gründe, warum die Wirtschaftskrise zu einem Anstieg von Kinderarbeit führen kann, sind vielfältig. Die Reduzierung des Lebensstandards (bzw. der Rückgang des Wirtschaftswachstums) kann Familien dazu zwingen, ihre Kinder aus Kostengründen aus der Schule zu nehmen und arbeiten zu schicken. Restriktionen in der Vergabe von Krediten hindern Familien in die Schulbildung ihrer Kinder zu investieren. Durch Steuereinbrüche steigt der Druck auf Regierungen, öffentliche Ausgaben zu reduzieren. Üblicherweise sind der Sozial- und Bildungsbereich am stärksten betroffen.
Effektive politische Maßnahmen sind nun dringend notwendig, um die Auswirkung der Weltwirtschaftskrise abzufedern – vor allem in den Bereichen der Bildung, des Sozialsystems und der Kreditvergabe.
Die Bekämpfung von Kinderarbeit ist ein Schwerpunkt der weltweiten UNICEF Programme. UNICEF arbeitet zusammen mit Regierungen und anderen relevanten Akteuren, um das jeweilige nationale Kinderschutzsystem zu verbessern. Zeitgleich werden Maßnahmen gesetzt, dass Kinder eine Schulbildung bekommen, um so den Kreislauf von Armut zu durchbrechen.
In Indien konnten UNICEF und seine Partner die Kinderarbeitsquote senken und die Einschulungsrate heben, indem sie Selbsthilfegruppen gründeten, um Familien einen besseren Umgang mit dem Schuldenproblem zu lehren. In Andhra Pradesh und Maharashtra erhielten Mädchen und arbeitende Kinder praxisorientierten Unterricht.
Anlässlich des Welttages gegen Kinderarbeit ruft UNICEF Österreich zu Spenden für die Aktion Schulen für Afrika“ auf. Mehr Informationen gibt’s unter: http://www.unicef.at/355.html
(Thema des Monats Juni 2011)
Kinderarbeit
Schutzbestimmungen gegen Kinderarbeit in Österreich
Mag. Martha Milkin, Die vielen Facetten der Kinderarbeit
Links
Literaturtipps