Partizipation durch interaktives InternetVon Christine Geserick M.A., Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF), Universität Wien, Abteilung für Forschung und Entwicklung (www.oif.ac.at)Gerade heute scheint diese interaktiv vermittelte Teilnahme an der (virtuellen) Gesellschaft im Sinne der Partizipation möglich. Die Trendforschung spricht von einem neuen Internet, dem "web 2.0", das zum sozialen Austausch anregt und den Computer aus dem Schattendasein eines einsam machenden Spielzeugs heraushebt. Vom Fernseher kann man sich nur "berieseln" lassen, das Internet aber hat mittlerweile eine soziale Qualität. Der Medientheoretiker Thomas Burg hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: "Der Nutzer surft nicht nur, er kreiert auch einen Wellenschlag". Über die so genannte social software treten besonders Jugendliche gern in Kontakt mit der Netzgemeinschaft. Man ist im Internet unterwegs, um über das Kommunikationsprogramm ICQ zu chatten, über skype zu telefonieren, um sein tägliches Leben im Blog (online-Tagebuch) oder sein eigen produziertes Musikvideo per podcast (Mediendatei) der Netzgemeinschaft vorzustellen und Kontakte zu knüpfen oder bestehende ins Internet weiterzutragen. Dass die entsprechenden Plattformen wie z.B. youtube, myspcae usw. gerade von Jugendlichen so beliebt sind, kommt aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht von ungefähr. Die Selbstdarstellung ist gerade für Heranwachsende reizvoll und im Sinne der psychosozialen Entwicklung auch wichtig. Die Benutzeroberflächen bieten hier unendliche Möglichkeiten des sich Selbst-Ausprobierens auf dem Weg zur Herausbildung der eigenen Identität. "Broadcast yourself" – damit motiviert die Plattform youtube seine User zum Mitmachen. Das Festlegen von eigenem Nick (Internetname) und Avatar (Benutzerbild) verlangt nach Selbstdefinition und ebenso bieten internetbasierte Diskussionsplattformen Raum zum "Testen" der Reaktion anderer auf die eigene Meinung. Sie ermöglichen das Platzieren und Diskutieren eigener Wertvorstellungen und politischer Standpunkte, wobei dies – wenn gewünscht – recht anonym und eben schriftlich stattfinden kann und deshalb vielleicht die Hemmschwelle senkt, sich auch mit Erwachsenen auszutauschen. Kommunikation im Internet verläuft meist auf "Duz-Basis", schriftlich und generell ungezwungener als im täglichen Leben. Das Verlangen des heutigen "sozialen" Internets nach Partizipation und Selbstdarstellung seiner User hat also das Potenzial einer angemessenen Plattform für Jugendliche, ihre eigene Stimme im Internet zu vertreten (Partizipationsrecht) und kann dabei gleichzeitig die Entwicklungsaufgabe der Persönlichkeitsentfaltung positiv beeinflussen (Entwicklungsrecht). Besonders Art. 17 der KRK nimmt auf dieses Partizipations- und Entwicklungsrecht im Zusammenhang mit den Massenmedien Bezug. "Broadcast yourself": zwischen Selbstdarstellung und SchutzbedürftigkeitSo reiz- und wertvoll Selbstdarstellung und virtuelle Kontaktaufnahme auch sein mögen, es sind damit auch Gefahren verbunden. Damit ist ein Dilemma beschrieben, das auch der österreichische NAP als Grundherausforderung beschreibt: die gleichzeitige Gewährung freier Entfaltung der kindlichen und jugendlichen Persönlichkeit bei Gewährleistung der Schutzgarantien gegen Gewalt und Ausbeutung. Kritisch wird es in der virtuellen Welt vor allem, wenn jüngere Kinder Informationen über sich selbst weitergeben (z.B. Fotos oder Postadresse), die im kriminellen Kontext missbraucht werden können. Eine konkrete Gefahr sind pädokriminelle User, die in Kinderchats mit falscher Identität unterwegs sein können, die sich Bildmaterial schicken lassen oder sogar versuchen, Kinder zu realen Treffen zu überreden. Die Eurobarometer-Studie aus dem Jahr 2006 zeigt dabei, dass 18% der Eltern in Europa berichten, ihr Kind hätte schon Erfahrungen mit gefährlichen Inhalten im Internet gesammelt, wobei diese Erfahrungen auch das bloße in Kontakt-Kommen mit gefährlichen Inhalten einschließen und z.B. bedeuten, dass Kinder auf gewaltverherrlichende oder pornographische Seiten surfen oder dorthin geleitet wurden. Dabei wird der größte Teil dieser Erfahrungen am heimischen Computer gemacht. Im Sinne einer Medienerziehung für Kinder und Eltern, die sich an den Leitideen der Kinderrechtskonvention orientiert (z.B. Schutz vor sexueller Ausbeutung, KRK Art. 34), wird es deshalb darum gehen müssen, einen Mittelweg zu finden, der gleichermaßen Partizipations- als auch Schutzrechte der Kinder in berücksichtigt und sie vor allem im "web 2.0" an einen verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten heranzuführen. Eine Vielzahl von praktischen Medienprojekten, darunter saferinternet.at und zartbitter.de, beschreitet bereits diesen Weg. (Thema des Monats Oktober 2006) |
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