Kinderrechte und Mediennutzung junger Menschen vor dem Hintergrund der DigitalisierungVon Dr. Ingrid Geretschlaeger, Universitätslektorin und Leiterin der Medienpädagogischen Beratungsstelle an der Niederösterreichischen Landesakademie (www.medienpaed.at, www.kinderundmedien.at)Medien werden zu den verschiedensten Zeiten an den verschiedensten Orten genutzt, um unterschiedliche Bedürfnisse zu befriedigen: Mit dem Gameboy werden Wartezeiten überbrückt, mit Musik Stimmungen ausgelebt, mit dem Internet Hausaufgaben bewältigt. Welchen Medien sich Kinder und Jugendliche zuwenden und wie viel Zeit sie für bestimmte Medien aufwenden, ist nicht immer und nicht bei allen gleich. Beeinflusst wird die Mediennutzung v.a. von Alter und Geschlecht, vom sozialen und intellektuellen Anregungsmilieu, von den Interessen der Heranwachsenden und ihrer persönlichen Situation.“ (www.zappen-klicken-surfen.de) Subjektiv am wesentlichsten sind für die jungen Menschen die Hörmedien, gefolgt von Fernsehen und Computer – die Handynutzung wird mit den neuen Funktionen immer umfassender. In den frühen Jahren kommt den Eltern noch eine entscheidende Bedeutung im Hinblick auf die Mediennutzung zu. Der Umgang mit Medien wird durch die Art und Weise, wie Eltern und Geschwister im Beisein des Kindes selbst Medien konsumieren, erlernt. Doch mit zunehmendem Alter wird der Einfluss und die Steuermöglichkeit der Eltern deutlich geringer. Die neuen Funktionen werden durch Versuch und Irrtum entdeckt bzw. durch Gleichaltrige verraten“. Medien werden jedenfalls ein immer beliebterer und wichtigerer Gesprächsstoff unter Gleichaltrigen und ihr Besitz bzw. die Fähigkeiten im Umgang damit zu Statussymbolen. Die fortschreitende Digitalisierung verändert die Medienlandschaft und damit die Kommunikations- und Informationsstrukturen der ganzen Gesellschaft. Die Gesellschaftsform und die zur Kommunikation vorhandenen bzw. zur Verfügung gestellten Hilfsmittel bedingen einander und verändern sich wechselseitig. Die Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kompetenzen, die man benötigt, um alle vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, werden dadurch immer wieder neu bestimmt, wobei die Jugend den neuen Technologien gegenüber aufgeschlossener ist als die Erwachsenengeneration, was in der Mediengesellschaft zu einer Kluft zwischen den Generationen führt. Erstmals in der Geschichte einer technischen Entwicklung sind es nicht die Erwachsenen, die den Vorsprung vor der nächsten Generation haben, sondern die Führung in der Beherrschung einer notwendigen Kulturtechnik liegt in den Händen der Jüngeren, im Leben noch Unerfahreneren. Das führt zu Problemen – nicht nur, weil die Älteren sich zumeist überfordert fühlen und die Jüngeren etwas zu viel Selbstbewusstsein an den Tag legen. Heute wird von den Menschen insgesamt hohe Aktivität und Flexibilität gefordert. Aktive Teilhabe an der gesellschaftlichen Kommunikation ist technisch möglich – Partizipation ist kein Schlagwort mehr. Die Möglichkeiten dazu ergeben sich durch die Digitalisierung. Medien sind nicht mehr nur zentrale Quelle von Information und Unterhaltung – sie sind von jedem Einzelnen nutzbar, um eigene Botschaften an eine Vielzahl von Menschen zu verbreiten. Die tradierten privaten, individuellen Kommunikationsformen mit ihren kulturell definierten Standards verlieren an Bedeutung. Wer schreibt noch einen Brief, fein säuberlich - womöglich noch verziert? Wo gibt es noch das speziell ausgewählte Papier, mit dem zusätzlich auch eine sensorische Qualität mit Farbe und/oder Duft transportiert wurde. Wo bleiben die Beilagen (z. B. eine getrocknete Blüte)? Diese etwas überspitzte Darstellung soll eine technische Entwicklung verdeutlichen, die das Lebensgefühl einer Generation charakterisiert. Für diese bedeutet die heutige technische Entwicklung einen qualitativen Verlust. Aber nicht nur Briefe Schreiben hat sich mit der elektronischen Post (E-Mail) und mit den kurzen Botschaften am Handy (SMS) verändert. Die technische Entwicklung hat eine neue Sprache mit Kurzformen und Symbolen hervorgebracht. Der aktuell verwendete Code ist für die nicht so technisch versierten Erwachsenen schwer zu knacken. Aber die Freude an den neuen Kommunikationsformen wurde genau so rasch wie sie sich entwickelte, überschattet vom Missbrauch durch SPAMS und von unerwünschten SMS. Nun heißt es lernen, sich gegen die negativen Auswüchse zur Wehr zu setzen. Es muss ein neues, kritisches und kompetentes Nutzungsverhalten entwickelt werden. Die Kommunikations- und Informationskompetenz unterliegt ständig neuen Herausforderungen. Durch die schier endlose Fülle von Anbietern und Angeboten ist eine Auswahlkompetenz gefragt, die normal“ – linear (Buch/Schrift/öffentlich-rechtliches Fernsehen) sozialisierte Bürger bei weitem überfordert. Wie die Komplexität der Bilder bei Spielfilmen einen Buchleser anstrengt, entwickelt sich auch hinsichtlich der digitalen Medien eine neue Wahrnehmungsqualität. Dabei gibt es aber auch schwer abzuschätzende Gefahren. Niemand kann heute beurteilen, wie sich diese Form der Kommunikation auf die Menschen auswirken wird. Der traditionelle Journalismus, der für den Großteil der Menschen die Quelle der Information darstellte und dem Vertrauen entgegengebracht wurde, wird durch den allgemeinen Zugang zur Distribution (z. B. durch Blogger) obsolet, denn jeder kann seine Version der Geschichte verbreiten. Das Internet ist die größte Datenbank – für alle (die über die entsprechende Kompetenz verfügen) zugänglich, vielfältig, aufschlussreich, verwirrend, herausfordernd, überfordernd ... . Mit der zunehmenden Subjektivität und dem Verdrängen von Verantwortung für das was kommuniziert wird, mit dem Fallen von ethischen Schranken, von privatem und öffentlichem Raum geht der Verlust von ethischen Normen einher. Der Ehrenkodex für wahrheitsgemäßen (objektiven) Journalismus wird zugunsten der Vielzahl von subjektiven Meinungen obsolet. Subjektivitäten werden zur Grundlage von Identitäten, die je nach Umfeld changieren: im virtuellen oder im realen Raum ... Medienkonsum wird zur Identitätsbaustelle besonders von jungen Menschen – die Erwachsenen sind dabei meist ausgeschlossen. Wird dies dazu führen, dass die Jugend das Ruder übernimmt? Wird sie den Ton angeben bzw. wie entsteht in Zukunft ein gesellschaftlicher Zusammenhalt? Werden wir es schaffen, neue gesellschaftliche Strukturen zu entwickeln, die das Vorhandene so weit verändern, dass sie diese neue Entwicklung integrieren, eventuell auffangen können? Das Thema Jugend und Medien hat viele Facetten und wird vielfältig diskutiert – negativ bis euphorisch. Den jungen Menschen stehen in immer kürzeren Abständen immer wieder neuere, attraktivere technische Medien zur Verfügung und werden von ihnen in den Alltag integriert – ohne darauf zu achten oder auch dahin geführt zu werden, darauf zu achten, was für sie individuell verträglich ist. Eine, wenn auch in den Dimensionen schwer vergleichbare Technikeuphorie, wie wir sie aus vergangenen Generationen kennen, ist den jungen Menschen nicht abzusprechen bzw. die digitalen Medien sind so selbstverständlich integriert, dass sie gar nicht als etwas Besonderes wahrgenommen werden. Diese Alltäglichkeit verhindert aber die Entwicklung einer durchaus notwendigen Distanzierungsfähigkeit. Nicht alles was machbar ist, ist auch vertretbar. Diese Verantwortung im Bereich des technisch Machbaren und sozial Verträglichen, individuell Nutzbaren wird zur individuellen Aufgabe. Das Recht auf Meinungsbildung und Meinungsäußerung, von gehört werden und von Schutz muss eine Einheit bilden und keines kann ohne das andere zum Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft eingefordert werden. Mit der Digitalisierung geht die Privatisierung der Medien einher – mit der Privatisierung die Trivialisierung, mit der Trivialisierung eine ethisch-moralische Negativentwicklung. Die Frage des Anspruchs, der Qualität, des Schutzes der Jugend muss sich erst wieder neu entwickeln, kommt vielleicht über die jungen Menschen selbst wieder ins Spiel, wenn sie merken, wie sie ausgenutzt“ werden. Diese Eigendynamik könnte gefördert bzw. unterstützt werden, wenn die gesellschaftlich relevanten Technikentwicklungen generationsübergreifend diskutiert würden. Bildung spielt dabei eine wesentliche Rolle - im Idealfall Medienbildung, die mehr ist als (Medien-) Technikkompetenz. Mit der Bildung wächst die Basis für verantwortliches Handeln, mit der Verantwortung das kulturelle und politische Interesse und damit die Bereitschaft, sich für Schwächere einzusetzen und Schutzfunktionen zu akzeptieren. Die europäische Charter für Medienkompetenz bildet zur Zeit eine Plattform für die Diskussionen und Interventionen hin zur Aneignung einer umfassenden Medienbildung. Eine zunehmende Zahl von Workshops, in denen junge Menschen Medien herstellen, Festivals und Wettbewerbe, Monitoring-Einrichtungen und Gütesiegel sollen dazu dienen, Bewusstsein für die Notwendigkeit der Relativierung der Freiheit der Kommunikation zu schaffen, indem die Möglichkeiten potentieller Schädigung reduziert und die positiven Chancen ausgebaut werden. Eine positive Gegenkultur soll geschaffen werden. Medienpolitik müsste sich der Kinder annehmen und qualitätsvolles Programm sicher stellen – ebenso wie die Vermittlung von Medienkompetenz. Öffentlich-rechtliche Medien gewinnen hier an Bedeutung. Medienpädagogik als präventiver Jugendschutz ist sicher zielführender als Jugendschutz durch Verhinderung des Zugangs. Bezüglich Internet ist der Zugang kaum zu verhindern - noch dazu ist weder feststellbar, was Kinder verstören kann noch was ihnen nicht zuträglich ist. Hier kann nur über Persönlichkeitsbildung, Aufklärung und Verantwortungsbewusstsein für sich und andere eine positive Infrastruktur geschaffen werden. Bewusstseinsbildung muss an erster Stelle stehen. (Thema des Monats Oktober 2006) |
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