„Integration im Klassenzimmer“ – beeinflussen Schüler/innen mit Migrationshintergrund das Klassenklima negativ?
MMMag. Monika Potkanski, Österreichischer Integrationsfonds
Nicht erst seit die Ergebnisse der Pisa-Studie 2010 veröffentlicht wurden, herrscht in Österreich eine rege Diskussion über das heimische Bildungssystem, und der Ruf nach Veränderungen und Reformen wird lauter. Auf der Suche nach den Gründen werden in der öffentlichen Debatte nicht selten Schüler/innen mit Migrationshintergrund als die Schuldigen“ deklariert. Doch spielt es eine Rolle, ob und wie viele Schüler/innen nicht österreichischer Herkunft in der Klasse sitzen, und vor allem: beeinflussen sie das Klassenklima negativ?
Der Österreichische Integrationsfonds widmet sich in der empirischen Untersuchung Integration im Klassenzimmer“ der Frage, inwieweit der Anteil von Schüler/innen mit Migrationshintergrund Einfluss auf das von den Schüler/innen und Lehrer/innen empfundene Klassenklima nimmt. In der Studie, die in sieben österreichischen Bundesländern durchgeführt wurde, wurden 3.099 Schüler/innen der siebten und achten Schulstufe befragt, um den Ist-Zustand“ in den österreichischen Klassenzimmern abzubilden. Ergänzend wurden 51 qualitative Expert/inneninterviews mit Lehrer/innen durchgeführt.
Schule als Sozialisations- und Erziehungsanstalt
In erster Linie ist es die Aufgabe der Schule, grundlegende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, welche die Schüler/innen für ihre weiteren Ausbildungs- und Berufswege qualifizieren. Aber die Schule ist auch eine Sozialisationsinstanz, die die Entwicklung der Heranwachsenden jenseits schulischer Leistungen prägt. Im täglichen Zusammenleben üben Kinder und Jugendliche soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit oder Konfliktbewältigung. Auf einer Mikro-Ebene ist eine Schulklasse somit als soziales System zu verstehen, das gleichsam als Spiegel der Gesellschaft gesehen werden kann. Wie gut sich nun die Schüler/innen untereinander und in ihrem täglichen Miteinander verstehen, wird über das Klassenklima definiert.
Methodik der Studie
Da Klassenklima im sozialwissenschaftlichen Kontext ein theoretisches Konstrukt ist und die Wahrnehmung des Verhältnisses zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen, Lernatmosphäre, Lerntempo, usw. umfasst, wurden die subjektiv wahrgenommenen Erlebnisse und Eindrücke über die Indikatoren soziale Partizipation (Freundschaften, Teilnahme an Schulausflügen usw.), Schuldevianz (von der Norm abweichendes Verhalten wie Unpünktlichkeit), Mobbing und Gewaltpotential gemessen.
In der Analyse wurden sechs Herkunftsgruppen berücksichtigt, da sie jeweils eine angemessene Anzahl an befragten Schüler/innen umfassten. Neben Österreich, Ex-Jugoslawien, der Türkei, Deutschland und den Neuen MS (Rumänien, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien), wurden auch Länder ohne EU-Mitgliedschaft mit einbezogen (Russland (Tschetschenien), Kosovo, Moldawien, Mazedonien). Die Typologie der Klassenzusammensetzung umfasste sechs Klassentypen nach Anteilen von Schüler/innen mit migrantischem Hintergrund in den Klassen: bis 15%, 16 bis 35, 36 bis 50, 53 bis 65, 67 bis 80, und 82 bis 100%. Anhand fundierter, statistischer Tests (ANOVA) wurden die sechs Klassentypen hinsichtlich des definierten Klassenklimas verglichen und analysiert.
Ergebnisse der Studie
Das Kernergebnis der Studie Integration im Klassenzimmer“ ist, dass zwar von den befragten Lehrer/innen durchaus ein Zusammenhang zwischen negativem Klassenklima und hohem Anteil an Schüler/innen mit Migrationshintergrund wahrgenommen wird, im Gesamten betrachtet und auf den Durchschnitt bezogen ist ein Einfluss des Migrationshintergrunds auf das Klassenklima jedoch nicht nachzuweisen – weder in der Untersuchung in Bezug auf den Migrationshintergrund an sich, noch bezüglich des Anteils der Schüler/innen mit migrantischer Herkunft in den Klassenzusammensetzungen. Signifikante Wirkungszusammenhänge sind dagegen für Mobbing, Schuldevianz und Gewaltpotential zu beobachten, geringfügige Einflüsse von Alter auf die Schuldevianz – Ältere sind devianter – sowie von Geschlecht auf das Gewaltpotential – Burschen sind etwas gewaltbereiter als Mädchen.
Bezüglich der verschiedenen Klassenzusammensetzungen ergeben sich deutliche und signifikante Unterschiede für Mobbing und das klassenbezogene Gewaltpotential sowie (weniger ausgeprägt) für die externe soziale Partizipation. Anteile an Schüler/innen mit Migrationshintergrund von 16 bis 35% erweisen sich für das Klassenklima als besonders vorteilhaft, während migrantische Anteile von 67 bis 80% als ungünstigste Konstellationen auffallen.
Tendenziell berichtet der Großteil der befragten Lehrer/innen, dass es keine besonderen Schwierigkeiten hinsichtlich von Toleranz und Respekt innerhalb der Schule gäbe. Die Ausnahme bilden hier Schulen mit hohem Migrationsanteil. Sowohl die Lehrer als auch die Lehrerinnen machen regelmäßig die Erfahrung, dass einige Burschen, geprägt von einer vorwiegend patriarchalen Gesellschaftsstruktur, weibliche Autorität ablehnen.
Zudem bestätigen die Studienergebnisse die allgemeine Auffassung, dass es zwischen den Schultypen allgemeinbildende höhere Schule und Hauptschule/Neue Mittelschule deutliche Diskrepanzen gäbe: in den HS/NMS gibt es mehr Gewaltpotential, Mobbing und schuldeviantes Verhalten.
(Thema des Monats Juli 2011)
Migration - Integration
Sebastian Kurz: Integration beginnt in der Schule
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Literaturtipps