Gewalt in der ErziehungDer Schutz von Kindern vor jedweder Form von Gewalt, vor Misshandlung, Vernachlässigung oder Ausbeutung ist eines der der zentralen Kinderrechte (KRK, Art. 19). Keine Gewalt gegen Kinder ist zu rechtfertigen, jede Gewalt ist zu verhindern!“ heißt es in einer Studie der Vereinten Nationen, die hingegen bestätigt, dass diese Gewalt in allen Ländern der Welt existiert – quer durch alle Kulturen und Ethnien, Klassen, Bildungs- und Einkommensschichten. Dank des besonders couragierten Auftretens des Kinderarztes Hans Czermak, der eine parlamentarische Mehrheit für den Kinderschutz gewinnen konnte, wurde in Österreich 1989 jegliche Form von Gewaltanwendung gegenüber Kindern untersagt: … die Anwendung von Gewalt und die (§ 146a Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch - ABGB) Fast gleichzeitig mit der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat sich der Gesetzgeber in Österreich als weltweit viertes Land (nach Schweden, Norwegen und Finnland) unmissverständlich gegen Gewalt deklariert. Dieses Bekenntnis zur Gewaltfreiheit in der Erziehung hat zu einem Einstellungswandel und zu einem veränderten Erziehungsverhalten beigetragen. Elternbildungsangebote und Familienberatungsstellen wurden in der Folge stark ausgebaut, um Eltern bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe zu unterstützen und gewaltfreie Erziehungsmethoden aufzuzeigen. Auch die Kinderschutzzentren und die Kinder- und Jugendanwaltschaften haben die Aufgabe übernommen, das Recht der Kinder auf gewaltfreies Aufwachsen und Schutz bei Gewalt umsetzen zu helfen. Denn wenn auch die Regierungen für Gesetzgebung und Kinderschutz zuständig sind, teilen doch alle gesellschaftlichen Gruppen und alle Menschen die Verpflichtung, Gewalt gegen Kinder zu verurteilen und zu verhindern und Opfern von Gewalt zu helfen. Versteckt, kaum aufgezeichnet, wenig berichtet… Gewalt gegen Kinder ist nach wie vor aus verschiedenen Gründen versteckt: Aus Furcht, weil die Täter häufig jene Menschen sind, die Kinder eigentlich beschützen sollten – Eltern, Familienmitglieder oder mächtigere Mitglieder der Gesellschaft – und weil Kinder meist keine sicheren und vertrauenswürdige Möglichkeiten finden, sich zur Wehr zu setzen. Wie sich Einstellung und Verhalten der österreichischen Eltern in Erziehungsfragen, v.a. was die Anwendung von Gewalt als Erziehungsmittel anbelangt, geändert hat, haben die Gewaltforscher Kai Bussmann und Olaf Kapella im Auftrag des "Familienministeriums" untersucht. Sie haben in der Studie "Familie - kein Platz für Gewalt!(?) 20 Jahre gesetzliches Gewaltverbot in Österreich" Einstellung und Verhalten der Eltern in Erziehungsfragen in Schweden, Deutschland und Österreich sowie Frankreich und Spanien verglichen. Sie kommen zu dem Schluss, dass in Ländern, in denen ein Verbot von Gewalt in der Erziehung besteht, weniger Körperstrafen angewendet werden. Hier ist die Erziehung eher von einem körperstrafenfreien Sanktionsverhalten geprägt als in Ländern ohne eine derartige gesetzliche Regelung (Frankreich oder Spanien). Dies zeigt sich mit Abstand am deutlichsten in Schweden, wo die rechtliche Ächtung von Gewalt in der Erziehung bereits in den ausgehenden 1950er Jahren begann und 1979 mit einem absoluten Verbot der gesetzliche Schlussstein gesetzt wurde. Seit Generationen wird diese Rechtslage in regelmäßigen Abständen durch Kampagnen und Aktionen stetig im öffentlichen Bewusstsein der Schweden gehalten. In Deutschland und Österreich, in denen die Gesetze später verabschiedet und weniger intensiv beworben wurden, zeichnet sich, wenn auch auf niedrigerem Niveau, eine ähnliche positive Entwicklung ab. Heute erziehen etwa 30% der Eltern in Österreich ihre Kinder ohne Gewalt, was durch die Angaben der in Österreich 2009 befragten Jugendlichen bestätigt wird. Ein Vergleich mit einer Erhebung aus dem Jahr 1991 zeigt außerdem, dass die heutige Elterngeneration seltener leichtere und schwere Formen körperlicher Gewalt zur Erziehung ihrer 3-6jährigen Kinder anwendet. Für diese sehr positive Entwicklung dürfte der europaweit zu beobachtende Wertewandel verantwortlich sein, aber auch das 1989 eingeführte Verbot von Gewalt in der Erziehung. Im Vorreiterland Schweden liegt der Anteil körperstrafenfrei Erziehender inzwischen allerdings bereits bei ansonsten unerreichten 76%. Deutschland verzeichnet 28% körperstrafenfrei erziehender Eltern, Spanien 16% und Frankreich 8%. Allerdings gehören Ohrfeigen noch heute bei vielen Eltern zum Sanktionsrepertoire. Zum Vergleich: In Österreich disziplinieren fast die Hälfte (49%) der Eltern ihre Kinder auf diese Art, in Deutschland 43%, hingegen sind es in Schweden nur 14%. Allerdings liegt in den Ländern ohne gesetzliches Verbot die Quote deutlich höher, 55% in Spanien und 72% in Frankreich. Schwere Körperstrafen werden indes in allen Ländern erwartungsgemäß wesentlich seltener angewendet. Eine gewaltbelastete Erziehung erleben nach eigenen Angaben 25% der österreichischen Jugendlichen, aus Sicht der Eltern sind es, wie in Deutschland 14%, in Schweden demgegenüber gerade 3%. Wie kann es gehen? Erziehung ist eine Aufgabe der Beziehungsgestaltung, die Respekt vor dem Kind und Zeit braucht. Wenn aber die "Hand ausrutcht", geschieht das meist nicht als gewollte Erziehungsmaßnahme sondern aus Überforderung der Eltern. Wichtig ist es dann auf jeden Fall, dem Kind die überzogene Reaktion auf sein Verhalten zu erklären. Weil Ohrfeigen für das Kind auf jeden Fall demütigend sind, soll die Entgleisung als solche kommuniziert werden, damit das Selbstwertgefühl des Kindes nicht beschädigt wird. Wie unangebracht Gewalt in der Erziehung, eine Ohrfeige, ist, wird deutlich, wenn man sich an die Stelle des Kindes einen Erwachsenen denkt. Aber warum sollte man das eigene Kind mehr beschämen dürfen als einen Nachbarn oder eine Arbeitskollegin? Auch trägt Gewalt nicht viel mehr zur nachhaltigen Verhaltensänderung beim Kind bei wie zur Lösung von Konflikten unter Erwachsenen. Gewalt ist immer kontraproduktiv und niemals "gesund". Ewald Filler: Vom "Züchtigungsrecht" zum "Gewaltverbot" in der Erziehung Christian Vielhaber: Ein Plädoyer für Bewusstseinsbildung (Thema des Monats Dezember 2009) |
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