Den verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit digitalen Medien fördern
Mag. Bernhard Jungwirth, Geschäftsführer Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation und Koordinator von Saferinternet.at
Expertenstimme
Internet und Handy haben sich in den vergangenen Jahren als fixer Bestandteil im Alltag von Kindern etabliert. Auch wenn bei allzu vereinfachenden und monokausalen Schlussfolgerungen hinsichtlich von Medienwirkungen Vorsicht geboten ist, ist der Einfluss des Gebrauchs von digitalen Medien auf das soziale Gefüge unübersehbar – sei es bei der Kommunikation mit Freunden und der Familie, der Freizeitgestaltung, in der Schule oder später im Beruf. Die Etablierung neuer Medientechnologien ist stets mit Neugier und zahlreichen Hoffnungen, aber auch mit Skepsis, Ängsten und kulturpessimistischen Tönen verbunden. Das kann als historische Konstante gesehen werden.
Tatsächlich sind die gemischten Gefühle“ in derartigen Übergangsphasen wenig verwunderlich. Neue Partizipationschancen, zusätzliche Ausdrucksformen sowie erweiterte Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten stehen auf Seiten der Erwachsenen oft einer Angst vor neuen Gefahren gegenüber, die nicht selten auf einem Verlust an Kontrolle basiert. Dass Eltern die digitale Mediennutzung ihrer Kinder schwerer steuern können, liegt letztlich in den strukturellen Voraussetzungen des Internet begründet. Dazu sind vor allem die Internationalität, die dezentrale Struktur, die permanenten technischen Innovationen und das private Nutzungsverhalten (Stichwort Handy, das erste private Medium“) zu zählen – Eigenschaften, die traditionelle Kontrollansätze oft ad absurdum führen, aber gleichzeitig den notwendigen Nährboden für die faszinierenden Entwicklungen der digitalen Medienwelt darstellen.
Für einen systematischen Blick auf Chancen und Risiken digitaler Medien bietet das europäische Forschungsprojekt EU Kids Online“ einen Orientierungsrahmen an. Es zeigt zum einen Kategorien von möglichen Chancen und Risiken auf, zum anderen wird hinsichtlich der unterschiedlichen Rollen von Kindern differenziert. Dabei wird unterschieden zwischen Content“ (Kind als Rezipient), Contact“ (Kind als Teilnehmer) und Conduct“ (Kind als Akteur).
Tabelle 1: Kategorisierung der Onlinechancen und -risiken bei Kindern (Livingstone/Haddon, 2009)
Vor einer Vertiefung einzelner Chancen und in diesem Beitrag primär von Risikobereichen lohnt es sich, einige Überlegungen grundsätzlicher Natur über Risiken, negative Folgen, die Vulnerabilität von Kindern und die Auswirkungen von Internet & Co im Vergleich zu anderen Medien anzustellen. Eine wertvolle Zusammenfassung dazu bietet Livingstone (2010), auf die hier Bezug genommen wird.
Den nachfolgenden Betrachtungen soll ein Beispiel zugrunde gelegt werden. Denken wir an das Risiko, dass Kinder über das Internet einen einfacheren Zugang zu pornografischen Videos haben können. Um Maßnahmen für einen sicheren Umgang abzuleiten, ist es für eine kritische Analyse des gemeinhin geführten Risikodiskurses zielführend einige Begriffe näher zu betrachten.
Risiken versus tatsächliche negative Folgen
Zunächst ist, um das obige Beispiel aufzugreifen, der Online-Konsum pornografischer Videos als Risiko“ zu bezeichnen, in Abgrenzung zu einer negativen Folge (engl.: harm“). Ein Risiko bedeutet noch nicht automatisch, dass damit eine konkrete negative Folge eintritt. Es ist vielmehr definiert als eine Funktion der Wahrscheinlichkeit einer negativen Folge und dem Ausmaß der möglichen Konsequenzen. Um das genaue Risiko zu ermitteln, wäre es daher auch notwendig, die Anzahl jener Personen, die aufgrund der Rezeption von Online-Pornografie tatsächlich negative Folgen erfahren, mit jenen in Beziehung zu setzen, die Online-Pornografie zu sehen bekommen haben (unabhängig davon, ob dies mit negativen Folgen verbunden war oder nicht).
Stattdessen zielen die meisten Analysen auf ein Verhältnis zwischen jenen die Online-Pornografie gesehen haben und allen Personen, die online aktiv sind, ab. Das ist aber eigentlich keine Risiko-Berechnung, d.h. wie wahrscheinlich es ist, dass tatsächlich bestimmte negative Konsequenzen eintreten, sondern eher eine Berechnung des Risikos des Risikos“ (sprich wie wahrscheinlich ist es Pornografie online zu sehen).
Beim Beispiel mit Pornografie-Konsum gibt es einen breiten Konsens, dass in bestimmten Altersgruppen die Risiken gegenüber den Chancen überwiegen. Ein anderes Beispiel zeigt aber wie eng Chancen und Risiken verknüpft sein können. Offline-Treffen mit Online-Bekanntschaften etwa, deren wahre Identität man ja zunächst nicht zweifelsfrei feststellen kann, bergen einerseits das Risiko Opfer von Belästigungen bis hin zu – im Extremfall – Missbrauch zu werden, andererseits stellt das Internet eine wunderbare Möglichkeit dar, z.B. neue Freunde mit gleichen Hobbys kennenzulernen. Chancen und Risiken stehen in vielen Online-Situationen also in einer sowohl-als-auch“-Beziehung.
Wenn wir neben dem Risiko“ auch die Begrifflichkeit der negativen Folgen“ reflektieren, geht es zunächst einmal um die Frage, wie aus einem Risiko ein Schaden werden kann. Die Gründe sind vielfältig und vor allem komplex. Es können Gründe individueller also auch soziotechnischer Natur angeführt werden. Dazu kommt, dass es eine große methodische Herausforderung darstellt, die tatsächlich negativen Folgen von Online-Erlebnissen überhaupt zu erheben. Ein häufig gewählter Ansatz ist, die Betroffenen selbst zu fragen. Dies bedarf aber einer beachtlichen Fähigkeit zur Selbstreflexion auf Seiten der Befragten bzw. wirft bei Kindern auch ethische Fragen auf.
Obwohl es also zahlreiche methodische Probleme bei der Erforschung von Risiken und negativen Folgen gibt und daher wenige konkrete Aussagen vorliegen, ist der Ruf nach Maßnahmen zum Schutz von Kindern laut. Das hat vor allem mit zwei Gründen zu tun: der Vulnerabilität von Kindern und den Charakteristika digitaler Medien.
Vulnerabilität von Kindern
Der erste Grund bezieht sich auf die Idee des Jugendschutzes, der in der größeren Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen seine Grundlage hat. Wenn hier pauschal eine Vulnerabilität angesprochen ist, ist natürlich zu ergänzen, dass das Ausmaß der Vulnerabilität von zahlreichen individuellen und Umfeld-Faktoren abhängt und nur schwer allgemein formuliert werden kann.
Was ist durch digitale Medien anders?
Der zweite Grund bezieht sich auf die Frage, welchen Unterschied digitale Medien in Bezug auf Gefahren eigentlich ausmachen? Sprich, sind digitale Medien automatisch mit einem höheren Risiko und auch mit häufigeren Negativfolgen verknüpft? Oder lenkt der Medienwandel den Blick bloß auf ohnedies bestehende Gefahren, die sich in ihrer Entstehung nicht kausal auf die jeweilige Technologien zurückführen lassen, aber eben auch in einem neuen medialen Umfeld bestehen? Dies lässt sich anhand des Beispiels Cyber-Mobbing näher erläutern.
Mobbing in digitalen Medien unterscheidet sich von traditionellen“ Formen des Mobbing in manchen Punkten. Dazu zählen z.B. der mögliche Eingriff in die Privatsphäre rund um die Uhr, ein größeres Publikum bei öffentlichen Verunglimpfungen und Bloßstellung sowie die Erschwernis im Internet veröffentlichte Inhalte wieder zu löschen. Dies lässt idealtypisch gesehen zwei Schlüsse zu. Entweder wird aufgrund der Charakteristika des Internet die Mobbing-Problematik verschärft oder Mobbing verlagert sich im Wesentlichen, wie das gesamte Sozialleben junger Menschen, teilweise auch in das Internet, ohne dass automatisch von einer Verschärfung auszugehen ist. Livingstone (2010) führt in diesem Zusammenhang an, dass nur wenige Forschungsergebnisse auf ein höheres Internet-bedingtes Mobbing-Risiko hinweisen. Es zeigt sich jedoch, dass jene Personen, die generell eine hohe Vulnerabilität aufweisen, unter anderen und schwerwiegenderen Folgen zu leiden haben können.
Um diese allgemeinen Ausführungen zum Thema Online-Risiken abzuschließen, ist auch noch anzumerken, dass eine risikolose Gesellschaft nicht nur unrealistisch ist, sondern sogar kontraproduktiv sein kann. Denn der kompetente Umgang mit (dem Leben inhärenten) Risiken lässt sich letztlich nur – am besten entsprechend begleitet – an realen Risiken erlernen. Darüber hinaus zeigen auch Forschungsergebnisse, dass bei der Nutzung digitaler Medien Chancen und Risiken zumeist positiv korrelieren (Livingstone/Haddon, 2009). Somit würde eine bedingungslose Risikominimierung auch die Chancen in unerwünschtem Ausmaß reduzieren.
Ziel muss es daher sein, Kinder nicht nur dabei zu unterstützen Risiken zu vermeiden, sondern auch jene Kompetenzen zu vermitteln, die verhindern, dass aus Risikosituation konkrete negative Folgen entstehen. In diesem Sinn geht es erstens um eine laufende Verbesserung der Online-Angebote selbst, bei der die Bedürfnisse von Kindern ernst genommen werden und sorgfältiger gegenüber wirtschaftlichen Anforderungen abgewogen werden. Zweitens ist der Fokus auf eine Stärkung der Kinder, mit Risiken kompetent umgehen zu können, zu richten. Dazu sind alle Akteure aufgerufen: von den Eltern über die Schule bis hin zur öffentlichen Hand.
Medienkompetenz: Chancen nutzen und negative Folgen vermeiden
Es herrscht Konsens über die große Bedeutung von Medienkompetenz bei der Nutzung der Chancen digitaler Medien sowie bei der Vermeidung von Risiken und konkreten negativen Folgen.
So war dieses Thema der Europäischen Kommission eine eigene Empfehlung zur Medienkompetenz in der digitalen Welt als Voraussetzung für eine wettbewerbsfähigere audiovisuelle und Inhalte-Industrie und für eine integrative Wissensgesellschaft“ (20.8.2009) wert.
In Österreich ist das Thema Medienkompetenz im Schulbereich als Zielgröße im Unterrichtsprinzip Medienerziehung“ verankert (siehe dazu Grundsatzerlass Medienerziehung). Im Herbst 2010 wurde das Thema auch im Rahmen der Initiative Web 2.0 – soziale IT-Netze sinnvoll nutzen“ des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur sowie im Informationserlass Digitale Kompetenz an Österreichs Schulen“ im Kontext von technischen und rechtlichen Fragestellungen prominent aufgegriffen.
Bei Schlüsselbegriffen besteht immer die Gefahr, dass sie zu bedeutungsleeren Schlagwörtern verkommen. Daher sei an dieser Stelle nochmals auf das Konzept der Medienkompetenz näher eingegangen.
Die EU-Kommission definiert Medienkompetenz als die Fähigkeit, die Medien zu nutzen, die verschiedenen Aspekte der Medien und Medieninhalte zu verstehen und kritisch zu bewerten sowie selbst in vielfältigen Kontexten zu kommunizieren“.
Der oben genannte Grundsatzerlass Medienerziehung führt aus: Medienkompetenz als Zielhorizont medienpädagogischer Bemühungen umfasst neben der Fertigkeit, mit den technischen Gegebenheiten entsprechend umgehen zu können, vor allem Fähigkeiten, wie Selektionsfähigkeit, Differenzierungsfähigkeit, Strukturierungsfähigkeit und Erkennen eigener Bedürfnisse u.a.m. Insbesondere bei der Nutzung der sog. Neuen Medien stellen sich im medienerzieherischen Zusammenhang – über den Nutzwert der Medien für den fachspezifischen Bereich hinaus – Fragen von individueller und sozialer Relevanz.“
Letztlich stehen drei Dimensionen im Mittelpunkt der meisten Medienkompetenz-Definitionen:
- Technische Nutzungskompetenz
- Fähigkeit zur kritische Bewertung, Reflexion und Nutzung von Medien den eigenen Bedürfnissen entsprechend
- Gestaltungskompetenz
Eltern und Lehrende scheuen sich oft eine aktive Rolle in der Medienkompetenzförderung einzunehmen, weil sie befürchten, dass sich Kinder besser auskennen würden. Dabei übersehen sie, dass dies oft nur die Dimension der technischen Nutzungskompetenz betrifft und Kinder, gerade in Bezug auf die Fähigkeit der kritischen Reflexion angeht, oft Unterstützungsbedarf haben. Und genau auf dieser Ebene kann auch der entscheidende Beitrag zur Risikovermeidung bzw. Verhinderung von negativen Folgen geleistet werden. Dabei geht es z.B. um…
- das Beurteilen der Vertrauenswürdigkeit von Online-Informationen: Was ist wahr?
- das Abschätzen der Auswirkungen des eigenen Handelns (welche Konsequenzen kann z.B. die Veröffentlichung von nachteiligen Fotos im Internet für die abgebildeten Personen haben?);
- das kritische Hinterfragen von Angaben unbekannter Personen über sich selbst bei Online-Bekanntschaften (Wer steckt hinter der Online-Identität?);
- das Unterscheiden zwischen realer“ Sexualität und Sexualität wie sie in der Pornografie dargestellt wird;
- das Einschätzen wie die eigene Selbstdarstellung im Internet auf andere (nicht nur meine Freunde) wirkt?
- das Erkennen von Werbung, die auch nicht explizit als solche gekennzeichnet ist;
- das Erkennen von Abzockeseiten;
- etc.
Die große Herausforderung im Zusammenhang mit Medienkompetenzförderung ist es, auf Basis des allgemeinen Konsenses über deren große Bedeutung konkrete Taten zu intensivieren. Dabei muss wieder einmal die gemeinsame Verantwortung aller Akteure bemüht werden:
- Eltern, die die kritische Beschäftigung mit Medien als Teil ihrer Erziehungsaufgabe sehen
- Die Schule, die Medienbildung als wichtigen Bestandteil ihres Bildungsauftrags sieht.
- Die Wirtschaft, die bei der Gestaltung ihrer Produkte auf besondere Anforderungen von Kindern stärker eingeht und einen größeren Beitrag bei Information und Aufklärung leistet.
- Die öffentliche Hand, die konkrete Rahmenbedingungen für einen Fokus auf Medienkompetenz fördert und laufend die Effektivität der regulatorischen Ansätze überprüft und weiterentwickelt.
(Thema des Monats: Februar 2011)
Digitale Medien - Chancen und Risiken
Ausgewählte Ergebnisse der EU Kids Online-Studie
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Literaturtipps