Medien und OpferschutzMag. Holger Eich, Psychologe im Kinderschutzzentrum Wien Ich möchte versuchen, Sie ein bisschen in die Sicht der Opfer zu entführen. Wie geht es einem Opfer, was geht in ihr/ihm vor – gerade auch bei der Fragestellung: Soll ich mit den Medien reden oder nicht? Auf der einen Seite steht der Druck für Journalistinnen und Journalisten, Geschichten und Fotografien finden oder erfinden zu müssen, um ein angeblich sensationssüchtiges Klientel zufriedenzustellen. Vom Recht auf Information ist die Rede gewesen, von der Freiheit der Meinung. Stefan“ hingegen hätte gefragt: Was haben die geredet? Vermutlich hätte ich geantwortet: Über dich! Und vermutlich hätte er geantwortet: Geil! Ach so, Sie kennen Stefan“ ja noch nicht. – Der Vormittag, die Journalisten, der mediale Druck, die öffentliche Meinung, es wird geliefert, was gekauft wird. Sie wünschen, wir spielen!, diese Argumentation ist bekannt. Stefan“ war ja nebenberuflich Drogendealer, eh nur“ Marihuana, ein paar Pillen, keine wirklich starken Sachen, nichts zum Spritzen. Er schämte sich nicht. Was er sagte, war: Die Leute haben es halt wollen! Was geht mich das an? Wenn ich es ihnen nicht verkauft hätte, dann hätte es jemand anderer gemacht, sagte Stefan“, damals zwölf Jahre alt. Die Schulpsychologie befundete bei Stefan“ sonderpädagogischen Förderbedarf. – Mir schien, er habe das Einmaleins der freien Marktwirtschaft, das Gesetz von Angebot und Nachfrage ebenso gut verinnerlicht wie manch gut dotierter Aufsichtsratsvorsitzender. Als ich Stefan“ kennenlernte, ging er hauptberuflich anschaffen“; er ist mit zahlreichen Männern ins Geschäft gekommen, das hatte er so gelernt bei sich zu Hause. Ein Onkel hatte ihn sexuell missbraucht, als er sieben Jahre alt wurde; kein brutaler Mann, nein, einer, der viel mit ihm unternommen hatte, auf den Sportplatz gegangen, ihn gelobt, ihm Aufmerksamkeit gewidmet und ihm vermittelt hat, dass er etwas wert ist. Dass er einen Schmäh habe, hat der Onkel ihm gesagt, dass er lustig sei und schön und – da hatte der Onkel recht – anders als seine Mutter und sein Vater, die ihn geschlagen hatten, die sagten, dass er unnütz sei und eine Plage, und ihm die Geschenke abnahmen, die er vom Onkel erhalten hatte. Das hatte Stefan“ inzwischen gelernt, dass man etwas anbieten muss, um gemocht zu werden. Und was der Markt will, das konnte Stefan“ bieten. Stefan“, das Opfer – einer von denen, über die man in diesem Zusammenhang spricht? Es kann gute Gründe geben, die Geschichte eines Opfers in die Medien zu bringen, doch dabei zahlt das Opfer immer auch seinen Preis. Stefan“ zahlte seinen: Er war im Fernsehen. Ist das nicht ein Traum vieler Kids? Und gibt ihnen das Fernsehen nicht genügend Chancen, sich vor den Augen von Millionen lächerlich zu machen, in Daily Talkshows oder Castings mit Dieter Bohlen, in Formaten wie Tausche Familie“ oder Super Nanny“ oder wenn Eltern heimgemachte Videos ihrer weinenden Babys und Kleinkinder, die vom Stuhl oder in den Pool fallen oder mit den Skiern gegen einen Baum fahren, in Formaten mit Titeln wie Hoppala“ ausstellen und sich nicht abgrundtief schämen? – Das alles schafft den Boden, auf dem das keimt. Auch wir selbst sind hinreichend verführbar – Psycholog/innen, Psychotherapeut/innen, Psychiater/innen, Profiler/innen. Eine reine Medienschelte wäre nun auch zu einfach. Funktioniert das Ganze nicht nur, weil es Verantwortliche gibt, die damit angeben, dass sich die heiß begehrten Opfer unter ihren Fittichen befinden und die Kameras aller Welt so auf sich, aber vor allem auf die Opfer lenken und sie diese dann – hoppala! – ebenso einsperren müssen vor den angelockten Fotografen, wie es der Psychopath tat, dem die Opfer sich gerade entwichen glaubten? Reicht es da, auf die Paparazzi zu schimpfen oder – auch gerne gesehen – Psychiater, die den Täter öffentlich diagnostizieren, ohne ihm jeweils begegnet zu sein? Letztlich treffen sich bei solchen Fällen doch nur narzisstische Persönlichkeiten unterschiedlicher Profession, und zwar am medialen Stammtisch. Heute würde ich es nicht mehr zulassen, dass Stefan“ seine Geschichte im Fernsehen erzählt: gerade weil er mit seiner ganz besonderen Geschichte nie gelernt hatte, sich gegen Forderungen anderer abzugrenzen, gerade weil er aufgrund seiner Geschichte bedürftig war und sich von der medialen Öffentlichkeit Zuwendung erhofft hatte, die seine Eltern und die Behörden ihm verweigert hatten. Er wollte endlich einmal erzählen, wie es ihm ergangen ist, was so viele vorher nicht interessiert hatte: das Jugendamt, die Polizei, die ihn beim Dealen aufgriff – allen hatte er etwas angedeutet, und heute wollte er endlich einmal alles sagen. Erhofft hatte er sich davon, dass seine Freunde ihn noch etwas mehr mögen, vermutet hatte er, dass seine Freundin ihn nun als Fernsehstar noch mehr bewundern würde. Tatsächlich hat sich die Freundin nach Ausstrahlung der Sendung von ihm getrennt, ebenso seine Freunde. Der Lehrer warnte davor, sich mit ihm einzulassen. Ja, Stefan“ war am Tag danach stadtbekannt, aber nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Es gibt mediale Gesetzmäßigkeiten, die nicht unbedingt nur mit der Mediengesellschaft zu tun haben, sondern eigentlich mit sozialpsychologischen Prozessen. Die Wahrnehmung einer Person in einer Gruppe ändert sich – und das hat in den meisten Fällen weniger mit der Person selbst, ihrer Geschichte, ihrem Verhalten als mit den Bedürfnissen der Gruppe zu tun. Die Gruppe, das sind wir – die Opfer, das sind die, deren Namen wir wie durch Wunder alle kennen: der zu Tode geschüttelte L., die entführte N. oder die im staatlich geförderten Atomschutzkeller vergewaltigte E. – Alte Bekannte“. Wir kennen sie, wir sind versorgt mit ihren Geschichten, man will uns Glauben machen, wir wollten noch mehr über sie wissen, wie sie denn aussehen. Wir wollten ihnen in die Augen schauen, wissen, was genau ihnen angetan worden ist – noch genauer, noch genauer: Welche Sexualpraktiken? Wirklich nur ein Täter? Wirklich nur ein Opfer? Wäre das Monster nicht noch monströser, der außergewöhnliche Fall nicht noch genialer“ – dieses Wort ist häufig gefallen –, wenn die Perversion noch ein bisschen weiter gegangen wäre? Es scheint, als reiche der reale Schrecken nicht aus; es sollte noch schlimmer sein. Wir haben noch perversere Ideen. Die Gruppe, Sie und ich, wir leiden uns vorsichtshalber erst einmal ein in die Opfer, wir beginnen, die Täter zu verachten, die uns“ das angetan haben, Monster“, die nichts mit uns zu tun haben. Das Böse schlechthin; ja, es gibt es doch, das Böse, aber nur in Niederösterreich! Diese Täter, die uns durch ihre Taten die Illusion nahmen, dass wir alles unter Kontrolle hätten, dass die Welt gerecht ist, dass uns nichts passieren könne, dass uns dann, wenn wir nichts Böses tun, auch nichts Böses passieren könnte. Und dann, nach dieser ersten Identifikation mit dem Opfer, nach den ersten großzügig geflossenen Spendengeldern kippt die Gruppeneinschätzung gerne einmal um – nicht sofort, es braucht etwas Zeit, aber das kommt. Wie war die ganze Welt nicht voller Mitleid und Solidarität mit dem britischen Ehepaar, dessen Tochter aus einer Ferienhausanlage verschwand – Sie erinnern sich. Es dauerte nicht länger als ein halbes Jahr, bis genau den Eltern, mit denen wir uns eingangs identifiziert hatten, zugetraut wurde, dass sie selbst ihr Kind im Meer versenkt hätten. Das Mädchen, mit dem sich nach seiner unvorstellbaren Isolation die gesamte Welt identifiziert hatte: Wenn Sie nun lesen, was über es geschrieben wird – freilich nicht in den redaktionellen Teilen der Zeitungen, sondern anonymisiert im Leserbriefsektor –, dann wird Ihnen bestenfalls schlecht. Ich glaube, wir können uns zunächst mit den Opfern identifizieren, weil wir ihre Gesichter nicht kennen, weil sie noch nicht sprachen, weil sie noch nicht an der falschen Stelle lächelten, weil sie uns noch nicht den Eindruck machten, verführerisch zu sein oder weil sie noch nicht von einem Fernsehsender verführt wurden, eine Talkshow zu übernehmen. Doch je mehr Opfer sie selbst werden, je mehr sie aus dem Schatten unserer Phantasie heraustreten und ein Gesicht bekommen, desto mehr distanzieren wir uns wieder von ihnen – und wir bekommen plötzlich den Eindruck, dass das Opfer doch ein bisserl“ mitverantwortlich dafür war, was passiert ist – eigentlich unglaubwürdig das alles –, und dass es ganz so schlimm ja wohl doch nicht gewesen sein kann. Und ehrlich, unter uns gesagt: Hat dieser Stefan“ wirklich auf den Strich gehen müssen?! Hat er nicht auch Geld dafür bekommen?! Hat der Psychologe nicht eben selbst gesagt, dass er auch etwas davon hatte? Und ehrlich gesagt: Warum hat er sich eigentlich nicht gewehrt?! Ja, Stefan“, warum hast du dich nicht gewehrt? Warum macht ihr Opfer nicht einfach, was sich die Behörden für euch vorstellen: Geht zur Polizei und macht mal eine Anzeige, macht unmissverständliche Aussagen vor Gericht! Warum schweigt ihr plötzlich, wenn die Polizei euch etwas fragt?! Warum sagt ihr nicht einfach die Wahrheit?! Warum? Habt ihr nicht doch etwas zu verbergen? Aus einem bemitleidenswerten Opfer wird so schneller eine Mittäterin, ein Mittäter als man sich zu denken traut, jemand, der sich ohnehin ganz leicht hätte befreien können, eine, für die das wahrscheinlich ohnehin gar nicht so schlimm war, und so weiter. Die Identifikation mit dem Opfer kippt dann um. Dann kann man sich wieder ent-identifizieren, wie wir das nennen, das Gefühl erlangen, doch nicht betroffen zu sein, dass die Welt doch im Lot ist. Und so dient die Geschichte des Opfers plötzlich zu unserer eigenen Beruhigung – und das Opfer hat ausgedient. Alternativen: Gelingt es – ein naiver Traum von mir –, dem geschätzten, angeblich so sensationsgeilen Publikum rüberzubringen, wie ein Opfer wirklich funktioniert? Wäre es nicht ehrenwert, endlich einmal deutlich zu machen, dass ein Opfer nicht nur ein süßes kleines unschuldiges Wesen sein muss, sondern dass es zu seiner, zu ihrer Überlebensstrategie gehört, sich immer wieder zu widersprechen, die falschen Menschen zu verführen? Und, gerade wenn es nicht Opfer eines einmaligen Übergriffs ist, sich mit dem Täter arrangieren zu müssen, um zu überleben? Das zu verstehen, auf diese Information hätten die Menschen ein Recht – vor allem die Opfer. Das ist ein Problem. Nirgendwo, in keinem Wirtshaus, an keinem Stammtisch findet sich dieses Kippen der Stimmung, von dem ich versucht habe zu reden, so rasch wie im österreichischen Boulevard, und nirgendwo auf der Welt führt das publizierte Verbrechen eines perversen Einzeltäters so schnell zu einer spontanen Änderung der Strafprozessordnung wie in diesem Parlament. Das sollte man wissen, wenn man von Kindern erfährt, dass sie sexuell missbraucht werden und dass sie darüber reden wollen. Stefan“ – den ich übrigens erfunden habe, der eine Kompilation aus vielen Fällen ist – hat es nicht wissen können. Stefan“ fand irgendwie nur geil, dass er ins Fernsehen kommt, weil er sich Unterstützung erhoffte und Verständnis, aber nicht Voyeurismus und Häme. Die Opfer wollen das Interesse der Umwelt – aber diese will, bei allem Sensationshunger, nicht hören, wie es wirklich ist, ein Opfer zu sein. Und wir alle laufen Gefahr – wir alle! –, immer wieder Opfer familiärer Gewalt zu Opfern auf dem Altar der Neugier und unserer eigenen Eitelkeit werden zu lassen. Und das bleibt ein Problem. (Dieser Text ist das Impulsreferat im Rahmen der Parlamentarischen Enquete des Nationalrates zum Thema Medienrecht und Opferschutz“ am 3. Juli 2008) Thema des Monats Jänner 2009 |
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