Kinderrechte in der Kinder- und JugendliteraturBrigitte Weninger, Kindergartenpädagogin und Schriftstellerin Alle Kinder auf der ganze Welt haben die gleichen Rechte“ – so lautet eines der wichtigsten Zitate aus der UN-Kinderrechtskonvention, die am 20. November 1989 von 191 Staaten, darunter auch Österreich, ratifiziert worden ist. Weitere idealistische Ziele wären das Recht eines Kindes auf Schutz, Fürsorge und Förderung, und die Bewahrung vor Gewalt, Verwahrlosung, Misshandlung und Ausbeutung. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Weltweit leben heute 171 Millionen Kinder unter extrem gesundheitsgefährdenden Bedingungen, davon 8,4 Millionen in sklavenähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen als Minenarbeiter, Kindersoldaten, Prostituierte, Straßenkinder. Rund 70 Millionen dieser Kinder sind jünger als zehn Jahre.*** Das sind Zahlen und Fakten, die sogar für Erwachsene schwer vorstellbar und für viele kaum erträglich sind, weil sie in uns Gefühle der hilflosen Wut erzeugen. Hinzu kommt noch die Erkenntnis, dass Kinderrechtsverletzungen nicht nur anderswo“ stattfinden, sondern auch in unserem unmittelbaren Umfeld. Der Satz: Je höher ein Land entwickelt ist, desto subtiler sind die Verletzungen der Kinderrechte“ klingt zwar wie eine bösartige Verallgemeinerung, aber er stimmt. Und der Schmerz eines Kindes in Österreich, das von seinem Vater geohrfeigt oder von Mitschülern gedemütigt wird wiegt ebenso schwer wie die Schmerzen eines südamerikanischen Straßenkindes. Auch bei uns werden Kinder von den Folgen von Armut, Gewalt, schlechter (Aus-)Bildung, physischer und psychischer Überforderung, Missbrauch, Mobbing und vielen weiteren negativen Einflüssen beeinträchtigt. Es gibt keine allgemein gültige Maßeinheit für Leid, und keine Wertskala, wie körperliche und seelische Schmerzen einzustufen und zu bestrafen wären. Doch die allgemein gültige Festschreibung der Rechte eines Kindes war bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung. Nun gilt es, diese Rechte auch umzusetzen. Gute, kinderrechtskonforme Kinder- und Jugendliteratur kann ein nützliches Werkzeug zur Bewusstseinsbildung und Prävention sein. Dabei sollte man sich aber vor allzu hohen Erwartungen hüten, denn das ist ein Entwicklungsprozess, der Zeit braucht. Natürlich könnte man Kinder und Jugendliche ganz einfach über den Ist-Zustand in der Welt informieren und damit eine Art Schock erzeugen, der die empfindsamen Kinder gewiss aufrütteln und zum Nachdenken und Helfenwollen anregen würde. Dieser Schock könnte allerdings auch in Verstörung und Verweigerung umschlagen, wo doch sogar die klugen Erwachsenen viele Dinge gar nicht wahrnehmen wollen. Es wäre also notwendig, Kinder frühzeitig und schon im Vorschulalter schrittweise für Werte und Rechte zu sensibilisieren. Das gelingt vorrangig durch eine ganzheitliche Erziehung, welche die körperlichen, kognitiven und spirituellen Bedürfnisse eines Kindes /Jugendlichen erfasst. Untrennbar damit verbunden ist eine umfassende und stetige Investition im sozial-emotionalen Bereich, damit Kinder eine hohe soziale Bildungskompetenz erlangen können. Geeignete Ki-Ju-Literatur kann dabei wertvolle Überzeugungsarbeit leisten und auf sanfte Weise unterstützen. Dabei darf man nicht mit plakativen gesellschaftspolitischen Problemen beginnen, sondern muss sich an der natürlichen sozialen Bewusstseinsentwicklung eines Kindes orientieren: vom ICH (Eigenkompetenz und Selbstwertgefühl) zum DU (Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung, Gleich- und Anderssein); vom WIR (Familien- und Gruppen-Zugehörigkeit, Akzeptanz und Toleranz) zum IHR (Umwelt, positive und negative Einflüsse; persönliche Werthaltungen, Ideale und Ziele.) Es gibt eine Fülle von ausgezeichneten Kinder- und Jugendbüchern, die genau diese Themen und Zielgruppen ansprechen. Und noch einen Einfluss finde ich ganz wichtig: das persönliche Vorbild. Meine langjährige Erfahrung als Pädagogin hat mich gelehrt, dass sich Kinder wie Jugendliche sehr stark an anderen Menschen orientieren, die ihnen ein Bild vorleben das sie selber für erstrebenswert halten. Wenn man Glück hat, sind es positive Vorbilder wie der immer verständnisvolle Großvater – es könnte aber anderswo auch der außergewöhnlich skrupellose Anführer eines Kindersoldaten-Trupps sein... Das alles bedeutet, dass jeder Einzelne von uns gefordert ist und eine Mit-Verantwortung dafür trägt, wie das Weltbild und die Umwelt unserer Kinder morgen aussehen wird und ob Kinderrechte ge- oder missachtet werden. Etwas Ähnliches antwortete SOS-Kinderdorf-Präsident Helmut Kutin auf meine Frage, ob einen der tägliche Umgang mit soviel Kinderleid nicht hilflos, zornig oder sogar hart mache. Nein“, meinte er, denn ich sehe nicht eine Menge von tausenden Kindern, sondern immer nur eines, und eines, und eines. So werde ich nie müde.“ All diese Ingredienzien – sozial-emotionale Kompetenz, Verantwortung des Einzelnen, Vorbildwirkung, kulturelle und gesellschaftspolitische Wertmaßstäbe – fließen dann auch in die letzte große Fragestellung mit ein, WIE denn gute Kinderrechte-relevante Ki-/Ju-Literatur beschaffen sein müsste und wie man sie auswählt, WAS darin geschrieben oder abgebildet sein sollte, WARUM Kinder solche Bücher brauchen … Was ist kinderrechtsrelevante Literatur Das könnte man jetzt streng akademisch angehen und sich bei jedem einzelnen Buch fragen, ob möglichst viele Kriterien der internationalen Kinderrechte erfüllt werden: · Behandelt das Buch kinderrechtlich relevante Themenstellungen wie Chancengleichheit, gewaltfreie Konfliktregelung, Toleranz? · Vermittelt es Werte wie Akzeptanz des Anderen“, seien es nun Migranten, Behinderte, Außenseiter? · Wie sieht es im Buch mit den Geschlechterrollen aus; werden Jungen oder Mädchen bevorzugt, zurückgesetzt? · Bieten die tragenden Charaktere des Buches genügend Identifikationsmöglichkeiten; haben sie positive Vorbildfunktion für das Kind? · Wie werden Probleme und Konflikte gelöst, wie ist der Kommunikationsstil, die Sprache? Vielleicht sollte man die Auswahl aber auch ganz pragmatisch ansehen und sich nur eine einzige wichtige Frage stellen, nämlich: · Vermittelt dieses Buch seinen Lesern Achtung und Respekt vor kindlichen/jugendlichen Wünschen und Bedürfnissen? Wenn man darauf klar mit JA!“ antworten kann ist schon viel gewonnen. Denn dieses Kriterium muss an vorderster Stelle stehen: Die tiefe Achtung vor dem Kind. Bücher, die Kinder /Jugendliche und ihre Belange ernst nehmen und dennoch genug Platz für Spaß haben, sind mit gutem Grund Lieblingsbücher. Denn Kinder haben neben allem anderem auch noch ein Recht auf Humor und Lebendigkeit und auf Bücher, die einfach nur Freude am lesen und dem kennenlernen neuer Welten machen, ohne mit moralisierend erhobenen Zeigefingern und langweilender Tiefgründigkeit überfrachtet zu sein. Wir Erwachsene sollten daher auch sorgsam darauf achten, die uns anvertrauten Kinder nicht vorzeitig mit Problemen zu belasten, die sie ohne unseren wohlmeinenden Bildungs- und Informationseifer gar nicht hätten. Lassen wir sie lieber ganz KIND sein, schenken wir ihnen die Bücher und Werte und die soziale Bildung, die sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation gerade brauchen; vermitteln wir ihnen, dass sie nicht nur Pflichten, sondern auch viele Rechte haben, und dass wir selbst die wichtigste Präambel verinnerlicht haben und sie immer und unter allen Umständen achten: Alle Kinder auf der ganzen Welt haben die gleichen Rechte“… *** Zahlenmaterial aus: UNICEF – Zur Situation der Kinder in der Welt 2006 , Fischer Verlag, Frankfurt/Main Zur Autorin: Brigitte Weninger ist auch die Autorin eines dreibändigen Kinderbuch-Zyklus zum Thema Sozialkompetenz. Alle Bücher stehen unter dem Motto Nur GEMEINSAM sind wir richtig stark!“, wurden von Eve Tharlet illustriert, sind im Verlag minedition erschienen und liefern eine Fülle von Spiel-, Lern- und Bastelvorschlägen für Familien und Schulen, die kostenlos von der Verlagshomepage geladen werden können. www.minedition.com (Themenbücher) · KIND ist KIND (Schwerpunkt: Kinderrechte und Migration) · EINER für ALLE – ALLE für EINEN (Schwerpunkt: Behinderten-Integration) · EIN BALL für ALLE (Schwerpunkt: Solidarität - Integration von Außenseitern) (Thema des Monats September 2007) |
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