Kindheitsforschung zur nationalen und internationalen SozialberichterstattungRenate Kränzl-Nagl - Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Wien Die Frage, was ist Kindheit, erscheint auf den ersten Blick relativ banal. Dennoch verbergen sich dahinter eine Reihe von Überlegungen und Konzepten, die ihren Eingang in die Kindheitsforschung gefunden haben. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Frage hat einerseits die Perspektiven auf Kindheit erweitert und andererseits steht sie auch mit einem sich wandelnden Bild von Kindern in der Gesellschaft im Zusammenhang – ein Trend, der sich als Entwicklung vom Objekt zum Subjekt bezeichnen lässt. Zu den Entwicklungen in der Kindheitsforschung siehe Expertenstimme. Kindheitsforschung und Kinderrechte Die Aufwertung des Subjektstatus von Kindern lässt sich nicht nur in der Kindheitsforschung beobachten sondern steht auch im Einklang mit der UN-Kinderrechtskonvention (UN KRK), die Kinder als soziale Akteure sowie als Gesellschaftsmitglieder mit eigenständigen Rechten begreift. In vielen Artikeln der UN KRK kommt zudem die Einbettung von Kindheit bzw. des Kind-Seins in gesellschaftliche Bezüge zum Ausdruck, womit sich weitere Parallelen zur – insbesondere soziologischen – Kindheitsforschung ausmachen lassen. Mit der Ratifizierung der UN Kinderrechtskonvention haben sich die Vertragsstaaten verpflichtet, den Vereinten Nationen über die Erfüllung der UN KRK sowie über Fortschritte ihrer Implementierung zu berichten (vgl. Art. 43). Unabdingbar sind dafür wissenschaftliche Befunde, die Auskunft über vielfältige Aspekte heutigen Kinderlebens geben und die damit eine Grundlage für die Beurteilung darstellen, ob die UN KRK in einem Land erfüllt ist bzw. in welchen Bereichen es noch Handlungsbedarf gibt. Doch nicht nur für die Berichte an die Vereinten Nationen sind wissenschaftliche Daten und Fakten relevant sondern generell für politisches Handeln, sei es nun, wenn es explizit um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und die Berücksichtigung von Kinderinteressen geht, oder wenn es um politische Maßnahmen geht, die nicht direkt auf Kinder abzielen, von denen sie jedoch indirekt betroffen sein können. Kindheitsforschung in Österreich und international Was ist typisch für die kinder- bzw. kindheitsbezogene Forschungslandschaft in Österreich? Ein Charakteristikum kann sicherlich darin gesehen werden, dass es in Österreich keine eigenständige Forschungsinstitution gibt, die sich vorrangig mit Kindheitsforschung beschäftigt. Vielmehr findet Kindheitsforschung an verschiedenen Stätten universitärer und außeruniversitärer Forschung statt. In Skandinavien oder im Vereinigten Königreich gibt es mit entsprechenden Ressourcen ausgestattete Einrichtungen, bei denen Kindheitsforschung einen Schwerpunkt darstellt. Betrachtet man die internationalen Entwicklungen, so ist in den letzten Jahren eine zunehmende Vernetzung von Kindheitsforscher/innen zu beobachten, die zum Teil auf das erwachte Interesse der Europäischen Union an Kindern und zum Teil auf Initiativen anderer internationaler Organisationen (Europarat, UNICEF, Worldbank usw.) zurückzuführen ist. Bezogen auf Trends auf internationaler Ebene sind insbesondere die Bemühungen einer Sozialberichterstattung über die Lebenslagen von Kindern zu erwähnen bzw. die Entwicklung geeigneter Indikatoren, diese zu erfassen. Manche Themen, wie etwa Gewalt gegen Kinder“ oder Kinderarmut und sozialer Ausschluss“, erlangten z.B. auf EU-Ebene zunehmend Aufmerksamkeit, was sich etwa an diesbezüglichen Aktionen und Programmen der letzten Jahre ablesen lässt, die auch die Vergabe von Studien beinhalten. Trotz dieser Bemühungen erscheinen Investitionen in die Kindheitsforschung nicht als vordringlichstes Anliegen der Europäischen Union, was zum einen daran liegen kann, dass Kinder nur bedingt in EU-Kompetenzen fallen, und zum anderen Themen, die mit dem Altern der Gesellschaft verbunden sind (insbesondere Fragen der Sicherung sozialer Systeme, wie etwa Pensionen, oder die Pflegebedürftigkeit eines ansteigenden Teils der Bevölkerung usw.) gegenwärtig von besonderer Brisanz und Dringlichkeit sind. Erst langsam wird erkannt, dass es auch wichtig sein wird, sich Gedanken über Investitionen in die jüngste Generation zu machen, zumal sie diejenige ist, die die Systeme sozialer Sicherung in Zukunft tragen wird. Um diese Investitionen im Interesse der Gesamtgesellschaft bzw. der Staatengemeinschaft adäquat steuern zu können, bedarf es wiederum einer Kindheitsforschung, die dafür die erforderlichen, wissenschaftlichen Erkenntnisse bereitstellt. Entwicklungen in der Kindheitsforschung (Renate Kränzl-Nagl) (Thema des Monats Juli 2008) |
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