Entwicklungen in der KindheitsforschungRenate Kränzl-Nagl, Kindheitsforscherin am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Wien Der Paradigmenwechsel in der Kindheitsforschung: Vom natürlichen zum sozialen Phänomen In der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Kindheit herrschte lange Zeit das Bild von Kindheit als naturgebenem bzw. natürlichem Phänomen vor. Nichts schien selbstverständlicher zu sein, als dass Kinder nicht verantwortliche, schutzbedürftige, durch lernende Aneignung der Welt und primär über Familie und Bildungsinstitutionen definierte Menschen in einem Stadium des >Noch-Nicht< seien“ (Honig 1988: 70). Kindheit wurde lange Zeit als eine von der Gesellschaft und ihren Entwicklungen losgelöste Lebensphase begriffen, wohingegen (bezogen auf das 20.Jhdt.) dem Jugendalter durch jugendkulturelle Formen der Abgrenzung von einer Erwachsenenkultur eine aktive Rolle an Prozessen gesellschaftlichen Wandels zugestanden wurde. Kindheit wurde demnach als natürliches Phänomen verstanden, ohne ihre soziale Konstruktion zu thematisieren. Die unhinterfragten Vorstellungen von Kindheit als Vorbereitungsstadium für das Erwachsenenleben hatten auch Folgen für das gesellschaftlich vorherrschende Bild von Kindern, die als unreif, unfähig, unverantwortlich, eben als kindlich“ typisiert wurden, wogegen den Erwachsenen die gegenteiligen Eigenschaften zugeschrieben werden (vgl. Qvortrup 1990, 1993). Nicht das gegenwärtige Wohlbefinden (Well-being“) von Kindern war von Interesse sondern vielmehr die zukunftsgerichtete Frage, wie aus Kindern vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden (Well-becoming“). Diese Wahrnehmung hatte auch Auswirkungen auf den sozialen Status von Kindern in der Gesellschaft: da sie nicht als vollwertige Mitglieder wahrgenommen wurden, wurden sie auch nicht als solche behandelt. Etwa ab den 1960er Jahren kommt es zu einem Bruch in der Wahrnehmung von Kindheit und es beginnt eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage Was ist Kindheit?“. In den Blickpunkt geraten nun die sozialen Konstruktionsprozesse von Kindheit, die Akteure, die Kindheit konstruieren bzw. dekonstruieren sowie letztlich auch die Frage, welchen Stellenwert Kindern selbst in diesen Prozessen zukommt. Angestoßen wurde diese Entwicklung von sozial- bzw. kulturhistorischen Arbeiten, international- bzw. kulturvergleichenden Studien, sozial-ökologischen Konzepten sowie vor allem dem in den 1960er Jahren in den USA entwickelten Interaktionismus, der das herkömmliche Sozialisationskonzept von Kindern als passiven Wesen kritisierte. Mit diesem Umbruch ging auch das erwachte soziologische Interesse an Kindheit einher. Rückblickend gesehen, ist dies kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz, da insbesondere ab den 1980er Jahren an vielen beobachtbaren Phänomenen immer deutlicher wurde, dass Kindheit nicht >neben der Gesellschaft< ist“ (Zeiher 1995: 3). Die Diskussionen über die soziale Konstruktion sowie den empirisch beobachtbaren Wandels von Kindheit leiteten einen Paradigmenwechsel in der Kindheitsforschung ein. Insbesondere in der Kindheitssoziologie, die sich ab den 1990er Jahren auch im deutschen Sprachraum etablierte, nahmen die Debatten über die soziale Konstruktion von Kindheit breiten Raum ein, wobei versucht wurde, sich von anderen Ansätzen, insbesondere der Sozialisationstheorie, abzugrenzen. Es ging dabei um die Offenlegung des sozial verankerten und mit spezifischen Interessen und normativen Vorstellungen verknüpften Verständnisses von Kindheit, das letztlich zur Auffassung von Kindheit als sozialem Phänomen führte. Besonderheiten soziologischer Kindheitsforschung Aus kindheitssoziologischer Sicht stellt Kindheit eine menschliche Seinsweise in einer bestimmten Lebensaltersphase dar, wobei dieses soziale Kindsein in die Entwicklungen der Gesellschaft eingebunden ist. Kindheit ist aus dieser Sicht nie ahistorisch sondern wird in einem permanenten Prozess geschaffen bzw. konstruiert und erhält dabei ihre kulturspezifischen Merkmale, die wiederum das Leben von Kindern prägen. Demzufolge wurde es zu einer der Aufgaben der kindheitssoziologischen Forschung die spezifischen Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklung (sozial, kulturell, ökonomisch usw.) auf Kindheit und Kinder bzw. ihre Rolle, die sie dabei einnehmen, zu untersuchen. Kinder werden dabei nun nicht mehr nur als Werdende, sich erst Entwickelnde“ sondern als hier und jetzt Seiende“ wahrgenommen und als aktiv handelnde und interpretierende Subjekte begriffen, denen wissenschaftliches Interesse als Kinder und nicht als zukünftige Erwachsene gebührt. Kinder avancierten so von Objekten“ zu Subjekten“ der Forschung. Ähnlich bzw. zeitlich parallel verlief die Entwicklung in den Kinderrechten, wie dies in der UN-Kinderrechtskonvention zum Ausdruck kommt. Der Paradigmenwechsel in der Kindheitsforschung eröffnete eine weitere, neue Sichtweise auf Kindheit, und zwar die Analyse von Kindheit aus generationaler Perspektive, wobei es darum geht, das Verhältnis von Kindheit sowohl zu anderen Generationen als auch zu anderen Sektoren (wie z. B. dem Staat) zu analysieren. Mit dem kindheitssoziologischen Blick auf Kindheit als ein soziales Phänomen, das zutiefst von gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst ist und sozial konstruiert wird, sowie mit der Wahrnehmung von Kindern als sozialen Akteuren und vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, gingen auch neue Fragestellungen und Akzentuierungen in der Kindheitsforschung einher. Die Hauptstränge soziologischer Kindheitsforschung Die soziologische Auseinandersetzung mit Kindern und Kindheit – u.a. bezeichnet als new social studies of childhood“ – führte zur Entwicklung von neuen theoretischen Konzepten, wobei sich gegenwärtig drei Hauptstränge ausmachen lassen (vgl. Alanen 2005, Hengst/ Zeiher 2005):
Diese drei Zugänge betonen unterschiedliche Aspekte der soziologischen Annäherung an Kinder und Kindheit und stehen somit nicht in Konkurrenz zueinander sondern ergänzen sich vielmehr. Welche Annahmen sich hinter diesen unterschiedlichen Perspektiven verbergen und wie dabei jeweils versucht wird, Kindheit und Kinder konzeptionell zu fassen, wird im Folgenden kurz vorgestellt. Kinder als soziale Akteure (akteurs- und lebensweltbezogene Perspektive) Diese Forschungsperspektive setzt sehr nahe an Kindern und ihren Lebenswelten an, indem z.B. Fragen nachgegangen wird, wie Kinder selbst ihr Wohlbefinden (well-being) in verschiedenen Lebensbereichen erleben und beurteilen, welche Veränderungswünsche sie haben oder welche Möglichkeiten der Mitgestaltung sie selbst sehen. Demnach steht das Kind als Subjekt mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und dem ihm verfügbaren Ressourcen im Vordergrund der Betrachtung. Dieser Ansatz resultiert in Fragen nach den Unterschieden zwischen verschiedenen Kindern bzw. Gruppen von Kindern (z.B. nach dem Geschlecht, der sozialen Herkunft, dem Migrationshintergrund, etc). Diese Binnendifferenzierung“ innerhalb der Kindergeneration, also Fragen wie unterschiedliche Gruppen von Kindern ihre Kindheit erleben und bewerten, ist somit hier von besonderem Interesse. Analyse von Kindheit als Teil der generationalen Ordnung (= strukturbezogene Perspektive) Anders verhält es sich mit dem strukturbezogenen Zugang, der das Verhältnis der Generationen zueinander in den Blick nimmt, wobei die Kindergeneration als spezifische Bevölkerungsgruppe besondere Aufmerksamkeit erfährt. Zentrales Kriterium dieses Zugangs stellt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Altersgruppe dar, wobei - in Übereinstimmung mit der UN-Kinderrechtskonvention - die Kindergeneration als Gruppe der unter 19-Jährigen verstanden wird. Aus dieser – makro-theoeretischen – Sicht konnte z.B. die Bevölkerungsgruppe der Kinder im Hinblick auf verteilungstheoretische Aspekte nun der Gruppe der Erwachsenen gegenübergestellt werden und machtanalytisch herausgearbeitet werden, wie Kinder diesbezüglich im generationalen Gefüge positioniert sind. Fragen nach der Teilhabe an Rechten der einzelnen Generationen bzw. Altersgruppen, etwa wenn es um politische Partizipation (z.B. Absenkung des Wahlalters) geht, oder Fragen nach der Verteilung materieller Ressourcen zwischen den Generationen (Sind Kinder z.B. häufiger von Armut betroffen als ältere Menschen?) rücken somit in den Vordergrund. Dabei geht es vor allem um das Aufzeigen von generationalen Ungleichheiten, die zum Teil aufgrund des nach wie vor – verglichen mit Erwachsenen – geringerem sozialen Status von Kindern in der Gesellschaft erklärt werden. Konstruktion von Kindheit in gesellschaftlichen Diskursen (= diskursanalytische Perspektive) In diesem Strang der Kindheitsforschung wird den Fragen nach der gesellschaftlichen Konstruktion von Kindheit in unterschiedlichen Diskursen nachgegangen. So stellt sich etwa die Frage, welche Rolle Medien bei der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Kindheit spielen, wie Kindheit heute etikettiert wird bzw. in welchem Verhältnis die medialen Bilder von heutiger Kindheit mit den wissenschaftlichen Befunden über die Realität heutigen Kind-Seins stehen. Neben der kritischen Reflexion medialer Bilder werden zudem Konstruktionen von Kindheitsbildern in Politik oder anderen Institutionen (z. B. durch Schule) untersucht, wobei die Folgen dieser Diskurse für Kinder und Erwachsene, die mit Kindern zu tun haben (Eltern, Pädagogen usw.), ebenso – zumeist kritisch - reflektiert werden. In neueren Arbeiten wird außerdem der Frage nachgegangen, welche Rolle Kinder selbst in diesen Prozessen der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Konstruktion von heutiger Kindheit zukommt. Methoden der Kindheitsforschung: Herausforderungen und Besonderheiten Die beschriebene Entwicklung in der soziologischen Kindheitsforschung brachte nicht nur in theoretischer sondern auch in methodischer Hinsicht neue Herausforderungen mit sich. Es stellte sich vor allem die Frage, wie die Perspektiven von Kindern empirisch erfasst und Kinder selbst in Forschung einbezogen werden können. Welche Besonderheiten ergeben sich bei der Anwendung der Methoden der empirischen Sozialforschung (Fragebogen, Interviews etc), wenn es um Kinder geht? Was ist bei der Entwicklung von Erhebungsinstrumenten zu berücksichtigen, um dem jeweiligen Alter bzw. Entwicklungsstand der Kinder gerecht zu werden? Was bedeutet ein kinderfreundliches“ Forschungsdesign? Welche Instrumente sind notwendig, um Kindheit aus einer generationalen Perspektive zu analysieren? Diese und viele andere Fragen mehr beschäftigten Kindheitsforscher/innen, die sich den sog. new social studies of childhood“ verpflichtet fühlen, was sich u.a. in der steigenden Anzahl an Publikationen zu dieser Thematik niederschlägt. Ausblick Der gegenwärtige Stand der Kindheitsforschung ist nicht als Endpunkt der beschriebenen Entwicklung sondern vielmehr als eine Momentaufnahme eines voranschreitenden Prozesses zu verstehen. Zudem schreitet auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit all ihren Facetten und Folgen voran, womit sich auch das Aufwachsen als Kind und damit Kindheit permanent verändert. Umso mehr wird es auch in Zukunft eine Aufgabe der Kindheitsforschung sein, empirisch gesicherte Befunde über Kindheit zur Verfügung zu stellen, aber auch den theoretischen Diskurs (u.a. interdisziplinär) voranzutreiben. Eine besondere Herausforderung besteht nach wie vor in der Frage, wie Kinder selbst in Forschung einbezogen werden können. Denn: nur von den Kindern können wir erfahren und lernen, ihr Leben zu verstehen! Kontakt: (Thema des Monats Juli 2008) |
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