Nehmen anonyme Geburt und Babyklappe dem Kind sein Recht auf Identität?
Dr.in Christa Pletz, Kontaktstelle Anonyme Geburt - Babyklappe, Caritas Steiermark
Der Artikel 7 der UN Konvention über die Rechte des Kindes spricht unter anderem vom Recht des Kindes soweit als möglich“ seine Eltern zu kennen.
Diese Bestimmung wird, wie zuletzt im November des Vorjahres vom deutschen Ethikrat, immer wieder zum Anlass genommen um Babyklappe und anonyme Geburt zu kritisieren bzw. die Einstellung dieser Angebote zu fordern. Als Grund dafür wird angeführt, dass anonyme Geburt und Babyklappe Kindern ihr Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung verweigert.
Bevor ich näher auf die Fragestellung eingehe, möchte ich kurz die Rahmenbedingungen für anonyme Geburt und Babyklappe in Österreich und unsere bisherigen Erfahrungen mit diesen Möglichkeiten in der Steiermark beleuchten.
Im Jahr 2001 kam es im Erlassweg zur Ermöglichung von anonymer Geburt und Babyklappe. Anonym geborene oder an der Babyklappe abgegebene Kinder werden Findelkindern gleichgestellt. Der zuständige Jugendwohlfahrtsträger wird mit der Obsorge für das Kind betraut und hat für die weitere Betreuung des Kindes zu sorgen. Binnen sechs Monaten nach der Geburt kann die Obsorge für das Kind noch an einen leiblichen Elternteil vom Gericht übertragen werden. Nach dieser Frist kann die Adoption des anonym geborenen Kindes erfolgen.
In der Steiermark wurde im Jahr 2001 im Auftrag des Landes die Kontaktstelle Anonyme Geburt – Babyklappe geschaffen, um betroffenen Frauen bereits im Vorfeld niedrigschwellig über eine Hotline Information, Beratung und Begleitung zu bieten. In erster Linie geht es darum, den schwangeren Frauen in einer besonderen Notsituation die Möglichkeit zu bieten über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen, medizinische Voruntersuchungen zu vermitteln, über anonyme Geburt und Babyklappe zu informieren und alle alternativen Möglichkeiten zu besprechen.
Unsere Erfahrungen zeigen, dass die betroffenen Frauen unter einem großen Druck stehen und meist ihre Schwangerschaft in ihrem Umfeld verheimlichen. Sie wünschen sich gute Ersatzeltern für ihr Kind, sehen aber aus ihrer besonderen Notsituation heraus keinen gemeinsamen Weg für sich und ihr Kind. Viele anonyme Mütter hinterlassen einen Brief für ihr Kind, manche auch Fotos oder Andenken. Ist die anonyme Mutter nicht in der Lage einen Brief zu schreiben, verfasst die begleitende Hebamme einen persönlich gehaltenen Bericht über die Geburt des Kindes.
Bei den anonymen Müttern handelt es sich um Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten, im Durchschnitt sind sie 28 Jahre alt und viele haben bereits Kinder. Ca. die Hälfte der Betroffenen meldet sich im Vorfeld. Bis Ende März gab es in der Steiermark insgesamt 74 anonyme Geburten, 2 Abgaben in der Babyklappe und eine anonyme Übergabe.
Anonymer Geburt und Babyklappe wird, wie bereits erwähnt, vielfach vorgeworfen Kinder ohne Wurzeln“ hervorzubringen. Dabei entsteht der Eindruck, es sei durch eine unbekannte Herkunft eine positive Identitätsentwicklung des Kindes nicht möglich.
Die Identität eines Menschen ist ein komplexes Gebilde und nicht etwas, das man erhält, sondern sie entwickelt sich über Jahre. Für diese Entwicklung sind vor allem die erlebten Bindungen und die Kommunikation mit den wichtigsten Bezugspersonen entscheidend. Verschiedene Dimensionen der Identität z.B. die biologische, soziale oder ethnische Identität lassen sich darstellen. Mit jeder Adoption, ob mit Zustimmung der Mutter (Eltern), nach einer anonymen Geburt, oder aus dem Ausland, kommt für ein Kind eine weitere Ebene die soziale Identität“ dazu. In der Persönlichkeitsentwicklung vor allem im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der biologischen oder ethnischen Herkunft hat es natürlich Auswirkungen, ob ein Kind seine leiblichen Eltern und Verwandten, sein Herkunftsland kennt oder nicht. Es greift aber eindeutig zu kurz, allein von der Tatsache, ob ein Kind seine leiblichen Eltern kennenlernen ihre Daten erfahren kann, abhängig zu machen, ob die Persönlichkeitsentwicklung eines adoptierten Kindes positiv verlaufen kann oder nicht.
Ich denke, man muss im Detail genau darauf achten was getan werden kann, damit anonym geborene Kinder die Tatsache ihrer unbekannten Herkunft gut in ihr Leben integrieren können. Dazu ist auf drei verschiedenen Ebenen anzusetzen:
In erster Linie sind natürlich betroffene Frauen soweit als möglich bereits vor der Geburt über alle alternativen Möglichkeiten zu informieren und zu ermutigen für ihr Kind Informationen über sich und ihre Familie bereit zu stellen. Wichtig ist es auch alle anonymen Mütter nach der Geburt zu informieren, dass sie auch später noch ihre Anonymität für das Kind jederzeit (schrittweise) aufheben können, wenn sich ihre Situation verändert hat. Dazu braucht es besondere nichtamtliche Stellen, an welche sich betroffene Frauen wenden können.
In zweiter Linie - und das ist wohl die wichtigste Ebene, sind die Adoptiveltern anonym geborener Kinder gut auf ihre Aufgabe vorzubereiten, zu begleiten und in schwierigen Situationen mit professionellen Hilfeangeboten zu unterstützen. Eine Adoption ist eine gute aber keine einfache Lösung, wenn ein Kind nicht bei seinen leiblichen Verwandten aufwachsen kann. Sie bedeutet soziale Elternschaft und ist eine alternative Familienform, die die Auseinandersetzung mit einem doppelten Verlust erfordert. Das Kind, auch wenn es dies nicht bewusst erlebt hat, verliert seine leiblichen Eltern. Die meisten Adoptiveltern mussten mit der Tatsache, keine eigenen Kinder bekommen zu können, leben lernen. Aus Studien und Erfahrungen mit erwachsenen Adoptierten weiß man, dass alle adoptierten Kinder das Wissen um ihre Herkunft, die Wertschätzung ihrer leiblichen Eltern, Schutz und Unterstützung durch ihre Adoptiveltern benötigen, um mit ihrer besonderen Situation gut aufwachsen zu können. Die Haltung der Adoptiveltern gegenüber der anonymen Mutter, die Art und Weise, wie sie dem Kind von dieser erzählen und wie sie selbst die anonyme Geburt bewerten, hat unmittelbare Auswirkungen auf das Kind. Es macht einen Unterschied, ob man einem Kind erzählt, dass seine Mutter es zurückgelassen hat, oder ihm sagt, dass sie in einer schwierigen Situation dafür gesorgt hat, dass es sicher auf die Welt kommen konnte. Adoptiveltern anonym geborener Kinder brauchen die Bereitschaft sich auf die Phantasien über die andere Mutter, den anderen Vater einzulassen, weil es oft wenige Anhaltspunkte gibt. Sie müssen das Traurigsein des Kindes aushalten und dem Kind viel Halt geben.
In dritter Linie glaube ich, braucht es eine Sensibilisierung für die Situation anonymer Mütter oder solcher, die ihr Kind zur Adoption frei geben, damit Verständnis und Toleranz für sie wachsen können. Eine Frau gilt nach wie vor als Rabenmutter“, wenn sie sich in einer schwierigen Situation von ihrem Kind trennt, selbst dann, wenn sie ihr Kind in gute Hände“ legt. Bei genauerer Betrachtung kann gerade die Entscheidung zur Freigabe des Kindes (oder eine anonyme Geburt oder Abgabe an der Babyklappe) von großer Verantwortung und Liebe zum Kind zeugen, wenn sich die Mutter (allein) nicht in der Lage sieht, gut für das Kind zu sorgen.
Der Artikel 7 der Kinderrechtskonvention spricht davon, dass das Kind soweit als möglich“ ein Recht hat, seine Eltern zu kennen. Ich denke anonyme Geburt und Babyklappe verstoßen nicht gegen das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft. Denn die bisherigen Erfahrungen in der Steiermark zeigen, dass sich die anonymen Mütter in besonders schwierigen Situationen befanden und sich nicht leichtfertig vom Kind trennten, aber es ihnen nicht möglich war“ ihren Namen und ihre Daten preis zu geben.
(Thema des Monats Mai 2010)
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